Welche Magie liegt in deinem Schicksal?

Das Bild zeigt meinen bereits verstorbenen Vater und meine Halbschwester auf einer alten Straße, auf der meine Großmutter als junge Frau mit ihrer Großmutter, ihren Eltern, ihrer Schwester und Nichte das Dorf im heutigen Polen in Richtung Deutschland verließ. Das ganze Dorf machte sich im Treck im Januar 1945 auf den Weg und kam gerade noch so über die Oder-Brücke bei Frankfurt/Oder. Meine Oma war damals frisch schwanger mit meinem Vater, der mit ihr neun Monate zu Fuß unterwegs war. Abgesehen davon, dass meine Oma eigentlich keine Kinder haben wollte, war die Schwangerschaft auf der Flucht natürlich eine immense Belastung. Mein Vater ist in der Nacht der Ankunft am Zielort trotz alledem auf die Welt gekommen.

Ein Wunder, denke ich. Mit welcher Kraft und welchem Zufall ist diese Seele auf die Erde gekommen? Wenn man dann den menschlichen Organismus meines Vaters anschaut, kann man sehr gut erkennen: So wie seine Zeugung, Schwangerschaft und Geburt war auch sein Leben – sogar sein Tod. Viel Stress und Unglück, aber auch immer wieder Glück im Unglück. Der Zweite Weltkrieg spielt auch nach fast 90 Jahren in vielen Aufstellungen immer noch eine Rolle, wirkt sich auf die Leben von uns heute Lebenden aus. Im Krieg gebliebene Väter, auf der Flucht unsichere oder missbrauchte Großmütter, Urgroßeltern, die ihre Lebensgrundlagen verlassen mussten oder durch Ausbombung verloren haben, Mütter, die die Flucht als Kind erlebt haben.

Wenn man sich das Leid, dass wir Menschen in einem Leben anhäufen können, mal vorstellt in seiner wirklichen Bedeutung für den im Grunde so verletzlichen Organismus Mensch, kann man eigentlich nur staunen, wie widerstandsfähig wir als Menschen sind. Wie viel unser Organismus an Schmerzen irgendwie „wegstecken“ kann, ohne daran zu sterben. Deshalb machen uns Menschen, die sterben, krank oder süchtig sind, manchmal auch Angst, denn es erinnert uns daran, wie es ist, etwas nicht mehr wegstecken zu können.

Unsere heutigen Kulturen sind sehr stark geprägt von diesem Wegstecken als Überlebensmodus. Im Grunde leben große Teile die Menschheit nur noch im Überlebensmodus. Wenn wir genauer hinschauen, dann wird jede/r von uns das in seinem eigenen Leben auch entdecken können. Wie kann dann eigentlich noch Heilung geschehen? Ich glaube und erlebe es, dass wir den Überlebensmodus verlassen, wenn wir uns wieder mit dem Magischen verbinden. Das Magische ist alles, was uns in die Lebendigkeit bringt. In die Lebendigkeit bringt uns nicht nur das Glück, die Freude oder die Ruhe. All das Positive kann manchmal erst wieder vom Organismus erlebt werden, wenn wir uns das, was uns unglücklich macht, noch mal angeschaut haben. Auf die eine oder andere Weise. Es ist dann wie die magische und eben auch gefährliche und schmerzhafte Reise, die beispielsweise der Junge Atréju aus Die unendliche Geschichte durchgemacht hat. In vielen Geschichten machen Kinder diese Reise, weil Kinder noch stärker mit dem Magischen verbunden sind und daher Superkräfte haben.

Für mich ist das Magische das Empfinden und Ausdrücken von Freude und Leid, Stimmen und Sprachen von anderen Lebewesen hören und verstehen zu können, die Freiheit zu wählen, was ich möchte und was nicht, was stimmig ist und was nicht, die Freiheit, intuitiv und selbstbewusst zu handeln, die Sicherheit, Unterstützung zu finden und getröstet zu werden. All das fließt am Ende in einem Gefühl zusammen – in das Urvertrauen der Liebe. Aber bevor wir da ankommen, ist erst mal lebendig werden angesagt. Und dabei kann das Familienstellen meiner Ansicht nach tief unterstützen, denn es ist eine magische Praxis. Menschen kommen in einem Kreis zusammen und machen gemeinsam Heilarbeit – was gibt es Einfacheres und Schöneres?!

Manche sagen, wie sind alles magische Wesen und haben alle die Fähigkeit zu heilen. Mir gefällt das Bild, dass alle Menschen verwundete Heiler sind (nach der mythologischen Figur des Chiron). Was ist deine magische Praxis? Wo heilst du dich und andere auf magische Weise?