Tätersein und Opfersein in der Familienaufstellung

(Mit-)Täterschaft in der eigenen Familie

Das Foto zeigt erneut meinen Vater, dieses Mal als Teenager mit seinen Eltern. Erst gestern habe ich über die Recherche-Möglichkeit auf der Internetseite von DER SPIEGEL herausgefunden, dass auch mein Großvater bei der NSDAP war. Ich wusste von meinem Vater, dass mein Urgroßvater, der Vater dieses Großvaters, Mitglied war, aber mein Vater erwähnte nie, dass sein eigener Vater auch Mitglied war. Ich hätte ihn gern gefragt, ob er es gewusst hat. Ich bin immer noch schockiert, zumal mir erst vor kurzem bewusst wurde, dass man sich schon anstrengen musste, um in die NSDAP aufgenommen zu werden. Vielleicht und wahrscheinlich hat mein Urgroßvater da eine prägende Rolle gespielt. Das Verrückte ist, dass dieser Urgroßvater nach Kriegsende in die SED eingetreten ist.

Und dennoch frage ich mich: Kann ich meine beiden Großväter verurteilen? Bzw. was bringt es mir? Ich spüre eher dahin, stelle es mir vor und dann wird mir schlecht. Was waren ihre Gründe? Die Vorstellung, dass beide vielleicht auch der NS-Ideologie mehr als weniger zugestimmt haben, erzeugt bei mir Übelkeit. Oder ging es um Karriere oder dazu zu gehören? Beide Ahnen gehören – für mich unbekannterweise – vollkommen zu meiner Geschichte dazu und ihr Verhalten hatte auch familiär eine Wirkung. Sogar mein Vater, hochsensibler Pazifist und Gegner von Fremdbestimmung und Diktatur, kokettierte am Ende seines Lebens mit der politischen Rechten. Er hatte fast alle einschlägigen Bücher zur Entstehung des Nationalsozialismus gelesen, wir haben Konzentrationslager besucht, viel darüber gesprochen und über seine Nähe zur Rechten natürlich auch heftigst gestritten. „Das Private ist politisch“ könnte man auch so lesen, dass sich private familiäre Strukturen, die ja immer auch durch gesellschaftliche Strukturen und Ereignisse mitgeprägt sind, in der politischen Einstellung niederschlagen. Es gibt mit einiger Sicherheit mehr als ein aufgeklärtes politisches Bewusstsein und Wissen, das Menschen in die eine oder andere Partei (oder zur Wahl dieser) treibt. Damit beschäftigt sich ein ganzer Wissenschaftszweig, der versucht, die Entstehung politischer Einstellungen zu erklären.

Verstrickung von Täter/in und Opfer

Mithin fließen in politische Einstellungen auch eigene „verstrickte“ Erfahrungen als Opfer und Täter/in ein sowie die in der Herkunftsfamilie, die eine/n eben auch prägen. Bert Hellinger, der das phänomenologische Familienstellen hier berühmt gemacht hat, hat stark umstrittene Ansichten hinsichtlich Schuld und Täter/Opfer-Verhältnis gehabt. Ich konnte seinen Ausführungen auch immer einiges abgewinnen, das sich für mich einfach richtig angefühlt hat. Grundsätzlich sagte er, dass das Verhältnis von Täter/in und Opfer immer „verstrickt“ sei. Mit „Verstrickung“ ist im Familienstellen meinem Verständnis nach gemeint, dass jemand etwas wiederholt oder andeutet, das jemand anderes getan oder erlebt hat. Eine Verstrickung mit einem Täter kann sich beispielsweise wie folgt zeigen: Ein Mann in der Familie verhält sich auffällig, er spricht abfällig oder häufig sexualisiert über Frauen, und mehrere spüren, dass er sich auch körperlich unangenehm nähert, manchmal kommt dieser Mann einem Kind vielleicht auch deutlich zu nah. Aber es kommt nie zum Vollzug eines Missbrauchs. Ich habe das öfter schon in Aufstellungen gehört. In zwei Aufstellungen, die ich erinnere, zeigte sich, dass der eigene Bruder oder der Bruder der Mutter sich so verhalten haben. Im ersten Fall hatte die eigene Mutter eine Vergewaltigung erlebt, im zweiten Fall war es wahrscheinlich die Großmutter. Manchmal zeigt sich dann sogar eine Verbindung dieses Mannes aus der eigenen Familie mit dem Stellvertreter, den man für einen Täter reinstellt. Diese Verstrickung geht auch mit jemandem, der Opfer war. Wir nennen es im Familienaufstellen „jemanden reinholen“, um ein unbekanntes und ungesühntes Schicksal über die Verstrickung sichtbar zu machen. Aus der Traumaforschung ist das Phänomen des „Täterintrojekts“ bekannt. Als ein Täterintrojekt wird ein eigener abgespaltener Seins-Anteil bezeichnet, aus dem heraus jemand die eigene erlebte Ohnmacht als Opfer darüber zu verarbeiten versucht, dass er selbst zum Täter/zur Täterin wird – und Macht ausübt.

Wie können wir Verletzung von Opfern spüren?

Das, was wir „Verstrickung“ nennen, geschieht dabei eher auf der seelischen Ebene, die wir symbolisch ausdrücken. Wie genau, ist schwer und vielleicht auch nicht nötig zu erklären. Ich möchte noch eine andere Form der transgenerationalen Weitergabe von Täter- und Opferschaft erwähnen. Wächst man in einer Familie auf, in der es eine oder mehrere Verletzungen von Menschen durch Missbrauch oder Vergewaltigung gab, dann wächst man eben auch mit den Körpern dieser Menschen auf. Man kann erleben, dass man diesem verletzten Menschen körperlich nie richtig nah sein konnte. Oder man spürt den Stress, den körperliche Nähe bei diesem Menschen auslösen kann. Manchmal geht von stark verletzten Menschen auch ganz starke Ablehnung aus. Hier könnte möglicherweise dann eine sogenannte Übertragung des eigenen Schicksals auf die eigenen Kinder vorliegen. Die Wege, wie ungesühntes Opfersein und Tätersein zum Ausgleich strebt, sind mannigfach. Für die Opfer braucht es geschützte Räume, damit sie ihr Leid verarbeiten können. Das Ziel muss immer sein, dem Opfer wieder so viel Lebensmöglichkeit wie möglich zurückzugeben.

Wie kann man auf Täter/in in der Aufstellung schauen?

Manchmal macht es Sinn, den Täter/die Täterin mit in die Aufstellung zu nehmen. Das muss sehr achtsam geschehen, damit die Opfer nicht retraumatisiert werden. Wenn es keinen absolut verlässlichen sicheren Ort/Menschen für den Menschen mit Opfererfahrung gab, nehme ich neuerdings eine/n Stellvertreter/in für einen „Schutz, den der verletzte Mensch gebraucht hätte“ mit in die Aufstellung. Das kann eine so starke Wirkung auf das gesamte System haben, wenn einmal die Information von „gutem und richtigem Schutz“ gespürt werden darf. Potenziell ist ja jede Energie, jede Form von Fühlen, Denken und Handeln in jedem von uns. In der Traumatherapie werden aktiv Ressourcen durch Imagination oder Objekte aktiviert und reingeholt, damit sich das Nervensystem beruhigen kann. Genau das kann man in einer Aufstellung auch machen. Oft gibt es dann ganz viel Entspannung und es wird erst mal überhaupt möglich für alle Beteiligten, sich umzuschauen, mit einander (über Blicke) in Kontakt zu gehen oder gar sich zu bewegen.

Wer schon Aufstellungserfahrung und Interesse hat, sich eigene Opfer- und Täteranteile anzuschauen, den lade ich herzlich ein zum Workshop „Ich als Opfer und ich als Täter/in“. Mehr Informationen sind hier zu finden: Link.