Mitgefühl mit dir als Kind

Um auf sich selbst als Kind zu schauen, finde ich den Begriff des ‚inneren Kindes‘ zunehmend unpassend. Passender scheint mir „Ich als Kind“. Denn ich als Kind und ich als – aus diesem Kindsein – Erwachsene – das ist ein Mensch. Das innere Kind kann auch schnell eine Projektionsfläche werden. Es gibt viele schematische Theorien und Annahmen, was dieses innere Kind brauche und was nicht. Alle unsere Erfahrungen als Kind leben in uns weiter, bis zu unserem Tod und vielleicht sogar darüber hinaus. Erfahrungen mit Erlebnissen, die stattgefunden und die eine Wirkung haben, jede Erfahrung ist – auch körperlich – in uns aufgehoben.

Der Kosmos und das Erleben des kleinen Kindes ist unendlich und genau deshalb lebt es, wenn es gesund ist, im Hier und Jetzt. Aber auch jede Erfahrung, die im Hier und Jetzt schlimm ist, wird als unendlich erlebt. Es lohnt sich, sich bewusst machen, dass wir über viele Jahre hinweg Erfahrungen gemacht haben, die uns unendlich erschienen. Die Erfahrung einer fehlenden, schwachen, belastenden oder plötzlich wegbrechenden Bindung zu den Eltern, die von niemandem nachhaltig aufgefangen wurde zu einem frühen Zeitpunkt der Kindheit, lebt über Jahre in uns fort bis zum heutigen Tag. Ich finde, es lohnt sich, sich das auf der Zunge zergehen zu lassen und eine Reise in den Kosmos dieses Kindes, in deinen eigenen Kosmos, anzutreten.

Um die sinnliche Dimension des Erlebens von uns als Kind abzubilden, eignet sich die Aufstellung, da sich im szenischen Geschehen können sich unsere sinnlichen Erfahrungen spiegeln. In dieser Spiegelung bezeugen die Stellvertreter/innen die gemachten Erfahrungen und genau dieses Bezeugen ist ein elementarer Bestandteil, der Heilung möglich macht. Denn ein Kind in Not braucht immer jemanden, der genau versteht, was gerade so schlimm ist. Die Erfahrung, dass genau das erkannt und abgebildet wird, kann sehr heilsam sein.

Es muss nicht immer um die direkte Beziehung zu den Eltern gehen muss. Ich denke, dass über das konkrete Bindungstrauma hinaus alle transgenerationalen Verstrickungen und Identifizierungen, die wir in den Aufstellungen sehen können, in unserer Erfahrung als Kind enthalten sind. Denn alles, was unsere Ahnen erlebten und was sie prägte, fließt ein in ihr Vermögen, in Beziehung oder Bindung mit ihren Partner/innen und Kindern zu gehen.

Die Bindung beginnt mit der Zeugung, mit der Energie, mit der Eizelle und Spermium aufeinandertreffen und sich verbinden. Wie reagiert die Eizelle auf das Spermium, wir reagiert der Körper der Frau auf die eingenistete Eizelle, wie der des Mannes auf die schwangere Frau? Schwangerschaft und Geburt sind von immenser Wichtigkeit, sie können viel Aufschluss darüber geben, wie und warum du dich fühlst, wie du dich fühlst. Wir können nicht fein genug sein bei der Reise in diese Dimensionen und ein echtes Gefühl, ein echtes Mitgefühl mit uns als kleinstes Wesen zu entwickeln. Nach Jahren fehlender sicherer Bindung brauchen Kinder viel Vertrauen und Sicherheit, sich zu öffnen. Auch du selbst.

Um überhaupt einen Wahrnehmungsraum zu öffnen für dieses Mitgefühl ist meiner Erfahrung nach viel Übung und Begleitung notwendig. Mehr, als wir uns alle vorstellen, es zeitlich einrichten und finanzieren können. Ich denke dennoch, dass im Mitgefühl für uns als Kind der Schlüssel zur Lösung (fast) aller Probleme liegt. Denn wenn wir das spüren können, leben wir für uns ein anderes Leben, dann wird es eine andere Welt.

Wie diese andere Welt aussehen kann, habe ich erst letzte Woche auf der ersten Trainingsblock im Somatic Experiencing (SE)® erlebt. Das SE ist in seiner Grundkonzeption und auch in der konkreten Gestaltung der Weiterbildung dermaßen präsent, präszise, fein und achtsam für die oben genannten Erlebensdimensionen von sicherer Erfahrung bis hin zur hohen Traumaktivierung, dass allein schon die Teilnahme an so einem sicheren Setting sehr viel in allen Teilnehmenden bewegt und tief berührt hat.

Ich möchte die oben genannten Qualitäten von Präsenz, Präzision, Feinheit und Achtsamkeit, die ich bereits von meinem Ausbilder im Familienstellen gelernt habe, in meiner Aufstellungsarbeit vertiefen, sie sollen die Aufstellenden gut begleiten. Und dazu gehört, dass oft weniger mehr ist, auch in der Aufstellung. Von „Titration“ spricht man in diesem Zusammenhang in der Traumatherapie, das heißt dem wohl dosierten Entladen von gespeicherten Trauma-Spannungen. Und einer sicheren Einbettung in die vorhandenen Ressourcen, was man „Integration“ nennt.

Ich freue mich auf die Integration meiner neuen Lernerfahrungen und lade dich ein, dich von mir und anderen Begleiter/innen, die in diesem Sinne arbeiten, unterstützen zu lassen auf deinem Weg zum Mitgefühl für dich selbst.