Kindsein

Ich hatte im vorletzten Newsletter von meiner Wahrnehmung erzählt, dass ich in einer Therapiesitzung äußerte, ich würde mich nur zu 2% erwachsen fühlen bzw. nach ein paar mehr Sitzungen zu 10%. Neulich haben wir in einer Sitzung die Aufmerksamkeit weg von den überforderten 2% auf die übrigen 98% gelenkt. Was ist eigentlich mit diesem riesigen Anteil? Interessanterweise fühlte es sich an wie 98% freies, aber ungelebtes Kind. Die Bewegung dieses Kindes war – wie wenn man träumt – in riesigen fliegenden Sprünge über die Welt zu hüpfen und alles auf einmal erleben zu wollen. Eben das Bedürfnis nach dem Ausleben wahrscheinlich unterdrückter Lebensenergie oder Lebensentfaltung.

Ressoucenanteile stärken in der Traumatherapie

Bei einigen körperorientierten Traumatherapien ist das Kernanliegen die Regulierung des Nervensystems hin zu einem gesunden Pendeln im Alltag zwischen Stress/Anspannung und Entspannung/Ruhe. Daher haben wir auch in meinem Fall gearbeitet mit dem Pendeln zwischen diesem verantwortungsvollen, arbeitsamen und gewissenhaften Teil und dem, der sich einfach nur bedenkenlos in die Welt stürzen möchte. In diesem Fall kommt die Entspannung durch die Bewegung in Freiheit und Sicherheit (gesunde Autonomie). Es geht also nicht nur um die Integration des Erlebens traumatisierender Ereignisse und Umstände, sondern immer gleichzeitig auch um die Integration der Ressourcen und ungelebten, kraftvollen Anteile, die leben und sich ausdrücken wollen.

Sich als Kind aufstellen

Wenn wir heute als Erwachsene zur Therapie gehen, machen wir in meinen Augen quasi Therapie für uns als Kind. Aber die erwachsenen Anteile kümmern sich und organisieren die Therapie. Ich arbeite in der Aufstellung oft damit, dass ich beispielsweise eine Klientin als Kind mit einer Stellvertreterin externalisiere, um erfahrbar zu machen, dass es uns als Kind eben auch noch in uns gibt und dass vieles, was wir als traumatisch erlebt haben, dem Kind passiert ist. Oft ist es eine zutiefst heilende Erfahrung, sich als Erwachsene von heute, diesem Kind anzunehmen. Ich lasse die Klient/in dann Sätze sagen wie“Ich sehe dich und geh nicht mehr weg.“ oder „In meinem Herzen ist dein guter Platz, da bist du sicher.“ Die Idee dahinter ist, dass die Eltern heute eben nichts mehr für das Kind von damals tun können und dass deshalb wir uns um uns kümmern müssen. Dem entspricht das ganze Konzept der Selbsterfahrung von beispielsweise Stefanie Stahls „Das Kind in dir muss Heimat finden“.

Von der Schwierigkeit, auf sich selbst als Kind zu schauen

Es gibt eine sehr wichtige und näher zu beleuchtende Erfahrung vieler Klient/innen inklusive mir selbst. Viele können nicht auf sich als Kind schauen, sie wollen da nicht hinschauen. Warum ist das so? Wenn wir auf uns als Kind schauen, wird auch das Trauma ins uns aufgerufen. Dort stehe ja ich, die all das Schlimme erlebt hat. Interessant ist zu beobachten, dass das Ausmaß an Trauma nicht immer mit der Fähigkeit korreliert, auf sich als Kind schauen zu können. Es gibt Menschen mit größerer Traumatisierung, die schnell und empathisch auf sich zugehen können. Andere brauchen länger.

Dem Kind von damals heute eine Stimme geben

Vielleicht korreliert die Fähigkeit, sich sich selbst zuzuwenden eher mit der Empfindung von Kränkung. Die Kränkung, dass wir nicht gesehen und geschützt oder gar geliebt wurden, kann so stark sein, dass wir auch heute noch in diesem Zustand als Kind verharren. Es kann auch verbunden sein mit der Hoffnung und Erwartung, dass die Eltern uns doch noch sehen und alles gut machen. Und auch das muss zutiefst ernst genommen und gewürdigt werden. Auch diese Hoffnung, dieser sehnliche Wunsch in uns ist vollkommen berechtigt und braucht Platz, da sein zu dürfen. Hier passt dann der Satz: „Du (Vater, Mutter) hättest da sein müssen, ich hätte dich gebraucht, du bist die Große, ich die Kleine.“ Gesprochen aus der Not von damals. Dann ist es kein Vorwurf, sondern ein Sich-Zeigen in der wahren Bedürftigkeit.

Die reale Verantwortungsbeziehung zu benennen, ist manchmal ein wichtiger Schritt. Manchmal bringt das den Impuls, dass sich ein Elternteil bewegt, weil man ihn mit den Worten erreicht hat. Oder in der Klientin fühlt es sich leichter an, weil sie von der Verantwortung befreit ist, auch noch für sich Verantwortung zu übernehmen bzw. sie zum ersten Mal die Information hört, dass jemand anderes ihr was abnehmen kann bzw. hätte nehmen müssen. Wir heilen das Kind in uns nicht allein. Es braucht immer eine Zeugin, ein Gegenüber, dass uns in unserer Not bestätigt und spiegelt, dass wir richtig sind. Für die langfristige Integration ist dann jedoch notwendig, dass wir zu uns und unseren Gefühlen und unseren Regulierungsstrategien eine Beziehung aufbauen, das heißt uns mit allem wahrnehmen und dem Raum geben, mit uns zu sein und uns so sein zu lassen, wie wir gerade sind.

Dahin gibt es verschiedene Wege. Das Familienstellen in der Art und Weise, wie ich es gelernt habe, ist ein gutes Übungsfeld. Aber auch jede andere Therapie und auch Achtsamkeitspraxis kann dich dabei unterstützen, dich besser in all deinen Facetten kennenzulernen und für dich da zu sein.