Als ich vor dem Sommer eine neue Therapie mit Somatic Experiencing und NARM begonnen habe, kam mir nach einer Intervention der Therapeutin spontan der Gedanke, dass ich mich eigentlich nur 2% als Erwachsene und somit 98% als Kind empfinde. Und dann kam mir der Gedanke, dass mein gesamtes „erwachsenes Leben“ aus den 2% gestemmt werden muss. Ich fand das erstaunlich passend. Genauso fühlt es sich von den Kräfteverhältnissen häufig in mir an. Oft Überforderung und dadurch Erschöpfung. Nach vier Sitzungen bei ihr bin ich gefühlt bei 10% Erwachsensein.
Wie erwachsen fühlst du dich?
Wie ist das bei dir? Wie fühlt sich für dich Erwachsensein an? Und wie viel Prozent fühlst du dich erwachsen oder noch als Kind? Und wie kann man aus den kindlichen Mustern „er-wachsen“? Wenn du schlecht Entscheidungen treffen kannst, häufig gekränkt bist, „empfindlich reagierst“, von Gefühlen überwältigt wirst und lange brauchst, dich zu beruhigen, andere häufig nicht verstehst oder ihr Verhalten ungerecht empfindest und dich ärgerst, dich viel in Gedanken mit Dingen beschäftigst, dich viel ablenkst oder in etwas hineinsteigerst – all das können Anzeichen sein, dass dein kindlicher Anteil stark ausgeprägt ist und Anteile von dir nicht wachsen konnten oder wollten – eventuell als Folge eines Traumas.
Das „erwachsene Kind“
Ich fand es erstaunlich, dass ich auch nach etlichen Psychotherapien und Aufstellungen, in denen ich als Kind Dinge übernommen und abgegeben hatte, immer noch eine derart große innere Wahrnehmung von mir als Kind hatte. Meine Mutter hat mir über die Jahre immer mal wieder erzählt, dass ich als Kind sagte, ich möchte nicht erwachsen werden. Vielleicht habe ich mir das damals geschworen, weil ich die Erwachsenen so schlimm fand? Schwüre können sehr mächtig sein, sie wirken vor allem seelisch. Interessant finde ich zudem, dass das Kindlich-Sein bei mir gar nicht sichtbar war, sondern das Gegenteil. Ich habe sogar ziemlich viel getan, es zu verstecken oder zu unterdrücken. Ich war schon sehr früh verantwortungsvoll was die mir aufgetragenen Aufgaben und Herausforderungen angeht und habe schnell kindlichen Leichtsinn verloren. Vermeintlich „früh erwachsene“ Kinder leben jedoch meistens eine Schein-Autonomie, da es eigentlich ihre Überlebensstrategie ist, vernünftig, klug, schön, aktiv, arbeitsam, hilfsbereit etc. zu sein. In der Schein-Autonomie muss man nicht unbedingt „vernünftig“ werden, manche bleiben im Verhalten auch offensichtlich kindlich, ohne die Strategie der vermeintlichen Überlegenheit – das ist immer im Kontext der Familie und der Wesenheit des jeweiligen Menschen zu sehen.
Das unausgewachsene Nervensystem
Dem seelischen Schwur entspricht in meinem Fall auch ein durch die Überforderung geprägtes Nervensystem. In der Traumatherapie gibt es das Bild (und ein plastisches Modell), in dem das Nervensystem im traumatisierten Zustand zusammengezogen ist wie ein zackiger Stern. Wenn es sich entspannt, dehnen sich die zusammengezogenen Bahnen zu einem viel größeren, runden, schönen Ball aus. Mittlerweile bedeutet daher für mich erwachsen zu sein, dass ich im Alltag meistens derart entspannt oder den Situationen angemessen fokussiert und angespannt bin. Dass ich mit einem Abstand reagieren und entscheiden kann und dass beides meinem Wesen, meiner Prägung und meinen Bedürfnissen – oder eben manchmal den äußeren Erfordernissen entspricht. Und das vielleicht insgesamt zu einem Maß von 80%?
Wie kann Familienaufstellung beim Er-Wachsen helfen kann
Familienaufstellung kann das Kind in dir in deiner Seele und deinem Herz erreichen, dir sehr plastisch vermitteln, dass das Kind in dir lebt und dich oder jemanden braucht, weil es vielleicht sehr verzweifelt ist. In der Konstellation mit deinen Eltern oder mit jemanden anderes, der dich verletzt hat, wird darüber hinaus nachvollziehbar, was du als Kind gebraucht hättest und was dir nicht gut getan hat. Was dich vielleicht zu früh hat „erwachsen“ oder „groß“ werden lassen – oder was dich klein gehalten hat. Wenn man die Wirkung von Überforderung, fehlender sicherer Bindung oder Schock mit der Entwicklung des Nervensystems betrachtet, sind ist beides das Gleiche.
Was es manchmal noch zusätzlich braucht
Manchmal, vor allem wenn der/die Aufstellungsleitende körpertraumatherapeutisch ausgebildet ist, kann sich das Kind auch im Körper ausdrücken. Jedoch gibt es therapeutische Interventionen wie das SE und NARM, die die Hilfesuchenden dabei gezielt unterstützen, die kindlichen oder traumatisierten Anteile körperlich auszudrücken und „zu entladen“. Sanftere Methoden wie die Craniosakrale Therapie zielen auf noch unbewusstere, tiefere Schichten wie den Liquor im Rückenmark ab. Manchmal braucht es nach einer Aufstellung noch eine solche Intervention, dass sich das seelisch und psychisch Angestaute über den Körper entladen oder ausbalancieren kann.
Damit sich dein Kind wirklich ganz sicher und hochprozentig verstanden fühlt, um sich zu zeigen in seiner größten Not, braucht es meiner Auffassung nach eine/n Therapeutin/en, der die Not sehr fein und verständnisvoll erkennt. Jede/r Therapeut/in versteht und erkennt unterschiedliche Themen. Damit du jemanden erkennst, der gut für dich ist, scheint es mir wichtig, erst mal dich selbst kennenzulernen, was da in dir wirkt und was du brauchst.
