Wie es zu dem Thema kam
Interessanterweise hatte ich die Sorge, dass die Ankündigung des Workshops „Ich als Täter/in und ich als Opfer“ auf meiner Website generell eher abschreckend wirkt. Der Titel wirkt ja irgendwie gruselig, wo er doch die beiden schlimmsten Pole benennt, zwischen denen sich menschliches Verhalten und Erleben bewegt. Gleichzeitig war ich sehr erfreut, dass sich trotz großer Hitze zehn Teilnehmende zusammenfanden, sich mit Aufstellungsübungen diesem Thema anzunähern. Ich hatte in der Ankündigung eine Triggerwarnung ausgesprochen und war gespannt, was sich zeigen würde und in welcher Intensität.
Ich habe das Thema gewählt, weil ich die Aufstellungsübungen „Ich als Täter/in“ und „Ich als Opfer“ in meiner Ausbildung bei Harald Homberger so einprägsam fand. Es waren die Übungen, die mir am stärksten eine ganz neue Perspektive auf mich gezeigt und somit zu einer inneren Erweiterung beigetragen hat. Damals haben wir die Übung während einer Seminarwoche bei Auschwitz gemacht, also an einem Ort, in dem die beiden Pole Täter/in und Opfer in ihren schlimmsten Extremen ausgeprägt sind. Harald berichtete immer wieder über Aufstellungen von Angehörigen von NS-Täter/innen oder NS-Opfern. Er habe immer wieder gleiche Phänomene in unterschiedlichen Aufstellungen wahrgenommen. Die Stellvertreter für die NS-Täter/innen würden oft wie unberührbar in den Aufstellungen stehen und nicht auf das mithin monströse Leid schauen, an dem sie beteiligt waren. Angehörige, die mit einer der beiden Seiten identifiziert seien, würden oft verrückt vor lauter unterdrückter Schuld, Leid oder Verantwortung. Es gehört also einiges dazu, sich diesem Thema anzunehmen.
In Bezug auf das Thema Trauma (durch Opfer-Sein) habe ich über hundert erlebte und selbst durchgeführte Aufstellungen als Grundlage für die Vermututung, dass das Aufstellungsfeld, wenn es achtsam, bewusst und stark gehalten wird, auch eine regulierende Wirkung haben kann und Aufstellende wie Stellvertreter/innen nicht retraumatisiert werden müssen. Aber es gibt auch Fälle, in denen Menschen genau davon berichten, dass ihnen das in einer Aufstellung passiert ist. So, wie es übrigens auch in jeder Therapiestunde vorkommen kann. Manchmal ist die Retraumatisierung vielleicht für uns auch nicht offensichtlich. Es ist also wichtig und noch in der Forschung zu schauen, was es in für eine gute traumasensible Aufstellungsleitung braucht, damit Retraumatisierung nicht geschieht.
Erfahrungen aus dem Workshop
Gut ist es, bei so einem Thema mit einer Ressourcen-Aufstellung zu beginnen, deshalb haben die Teilnehmenden zu Beginn einen konkreten oder idealen sicheren Ort für sich aufgestellt. Die Erfahrung des sicheren Ortes beruhigt und stärkt das Nervensystem, an die es sich erinnern kann, wenn es bedrohlich wird. Danach haben wir eine Gruppenaufstellung gemacht, in der die Gruppe geteilt war: Die eine Reihe sollte sich als fiktive/r Täter/in einspüren, die andere als fiktive Opfer. Es haben sich so viele Facetten von „Täter-Sein“ und „Opfer-Sein“ gezeigt, wie wir danach im Austausch bemerken konnten. Es ist jedes Mal erstaunlich, wie detailliert Aufstellung verschiedene Aspekte einer Dynamik abbilden kann. Auf der Täterseite beispielsweise gab es den aggressiven Angreifer oder Unterdrücker, aber auch den Mitläufer, der sich nicht wirklich für die Opfer interessiert, sondern sich eher an den anderen Täter/innen orientiert. Oder zwei Täter/innen, die sich miteinander gemessen und auch bedroht haben. Auch die Stellvertreter/innen für Opfer haben sehr verschiedene Bewegungen wahrnehmen können: Von stark verängstigtem Verschwindenwollen, über Erstarrung bis hin zum Willen, sich zu wehren und nicht unterkriegen zu lassen. Das Magische ist ja wirklich immer wieder: Keine/r hat seine Rolle gespielt! Die unterschiedlichen Erlebensweisen haben die Teilnehmenden einfach erfasst.
Welche Bedeutung hat meine Erfahrung mit meinem Täter- und Opfer-Anteil?
Danach haben sich die Teilnehmenden zu zweit zusammen gefunden und haben jeweils zuerst ihren Täter-Anteil und dann ihren Opfer-Anteil aufgestellt. Da dies sehr persönliche Erfahrungen sind, würde ich gern von meiner eigenen berichten. Mit meiner Kollegin Eva habe ich die Übung kurz vorgezeigt. Folgendes schilderte sie mir als mein Täter-Anteil: Sie hatte Lust mich zu provozieren und anzugreifen und da ich nicht reagierte, wechselte sie über in eine abwartende Erwartungshaltung, dass ich zu ihr kommen solle. Ich habe eine Sekunde überlegt, aber dann fiel mir sofort ein, dass mein Kontakt- und Bindungsverhalten in manchen Situationen genauso ist: Ich provoziere dann mit Worten, vielleicht sogar um die Schwächen von anderen vorzuführen. Oder ich verurteile oder kritisiere sehr stark. Und dann wundere ich mich, wenn das Gegenüber keine Lust mehr hat, mit mir zu kommunizieren und warte vergeblich darauf, dass jemand auf mich zukommt. Das geht dann schon über in das Erleben als Opfer übrigens, was zeigt, wie nah beide Seiten beieinander sein können. Ich kenne diese Art der Kommunikation natürlich auch von zu Hause. Bzw. habe ich es mir gegenüber meinen Eltern als Bewältigungsstrategie zugelegt, sie zu kritisieren, um mich vor dem Schmerz fehlender echter Empathie und Verständnis zu schützen. Das ist Teil der sogenannten „Anmaßung des Kindes“, wie Bert Hellinger es nannte, in der Not größer sein zu wollen oder zu müssen als die eigenen Eltern.
Es geht im Spannungsfeld von Täter/in und Opfer essentiell auch um die Pole von Macht und Ohnmacht oder Macht und Gegenmacht. Die Übung ermöglicht mir, sensibler dafür zu werden, wenn ich wieder in das täterhafte Verhalten rutsche. Oder es im Nachhinein zu bemerken und dann zu schauen, wie ich mich in der Situation gefühlt habe, bevor oder als ich begonnen habe zu provozieren oder zu kritisieren. Denn am Ende geht es vor allem beim Täterverhalten darum, die Auslöser zu bemerken. Das kann in manchen Situationen mit Handlungsspielraum sicherlich auch für das Erleben von Opfersein gelten. Also in welchen Situationen werde ich wehrlos und warum?
Für das das Erleben als Opfer stellt sich für mich die grundlegende Frage, wann bin ich ein Opfer äußerer von mir nicht oder kaum mehr zu beeinflussender Umstände und wann habe ich vielleicht eine Wahrnehmung von mir als Opfer in Situationen, die ich aufgrund negativer Vorerfahrung missdeute oder in die mich reinmanövriere? Wir hatten in der Runde zu Beginn des Workshops damit begonnen, uns darüber auszutauschen, wann wir uns nach unserem Verständnis als Täter/in und wann als Opfer erleben. Mit den Übungen war es möglich, dies zu überprüfen. Das ist der Sinn dieser Übungen und der Workshops insgesamt: Erfahrungsräume begehen, Anteilen von sich in einer Klarheit begegnen, sie von anderen gespiegelt zu bekommen. Es kann die eigene Selbstwahrnehmung erweitern, je nachdem wie wir es psychisch und seelisch nehmen können, was wir in einer Aufstellung erleben. Meiner Auffassung nach sollte ein gewisser innerer Freiraum da sein, sich diesen Anteilen zuwenden zu können. Unterstützend können dabei Zeug/innen sein, die insbesondere für das eigene Erleben als Opfer da sind. Dazu gehören auch Therapeut/innen, die bezeugen, dass das, was von einem selbst in einer Situation der Übermacht zum Opfer fiel, wirklich schlimm war.
Die Wichtigkeit von Zeug/innen
Zum Ende des Workshops haben die Teilnehmenden eine Übung gemacht, in der sie jemanden, von dem sie sich verletzt fühlen oder den sie verletzt haben, aufstellten. Dazu sollten sie einen Zeugen stellen. Bei der Planung dachte ich, dass es ein Zeuge für die aufgestellte Situation ist und es sich zweigen wird, was seine Rolle ist. Vor Ort hatte ich den Impuls, den Zeugen eher denen zu widmen, die aufstellen. Bzw. hat sich das in den Übungsgruppen so ergeben. Die Aufstellungsübung war im Grunde eine kleine Aufstellung. Durch kleine Interventionen habe ich versucht, die Bewegung in den drei Aufstellungen zu einer guten Lösung kommen zu lassen. Ganz unterschiedlich ausgeprägt gab es eine Bogen von Spannung, Hilflosigkeit, Unverständnis, Streit über Zuwendung, Schutzsuchen, Trauern hin zu Ruhe oder vielleicht auch Entspannung und Frieden miteinander.
Im Nachhinein denke ich, dass zwei Zeug/innen gut gewesen wären. Denn die Verletzten brauchen eine/n Zeug/in, aber die Verletzenden auch! Harald hat immer gesagt, dass die scheinbar unberührbaren NS-Täter/innen in den Aufstellungen auch berührt werden müssen. Besonders beeindruckend erzählte er von einer Aufstellung von Bert Hellinger in einer Kirche, in der ein Stellvertreter für einen Mann mit höherem Rang im NS-Regime wie eingefroren steif da stand und abwesend in die Ferne schaute, während sich vor ihm das Leiden abspielte. Plötzlich sei aus dem Publikum, das es bei Hellingers Aufstellungen damals gab, ein Hund gekommen und hätte sich um die Füße des Stellvertreters gelegt. Dann kam der Mann in die Rührung und weinte.
Das Thema ist sehr komplex und ich habe hier nicht alle Aspekte mitgedacht. Ich fand die Ergebnisse des Workshops jedoch so wertvoll, dass ich sie mit der geneigten Öffentlichkeit teilen möchte. Aufstellungsarbeit ist Pionierarbeit, habe ich den Teilnehmenden zur Reflexion des Workshops geschrieben. Um aus den ewig alten Täter-Opfer-Dynamiken auszusteigen, dabei kann auch dieser Workshop unterstützen. Ich werde ihn mit Sicherheit erneut anbieten.