Reflexion des Workshops „Ich als Täter/in und ich als Opfer“

Wie es zu dem Thema kam

Interessanterweise hatte ich die Sorge, dass die Ankündigung des Workshops „Ich als Täter/in und ich als Opfer“ auf meiner Website generell eher abschreckend wirkt. Der Titel wirkt ja irgendwie gruselig, wo er doch die beiden schlimmsten Pole benennt, zwischen denen sich menschliches Verhalten und Erleben bewegt. Gleichzeitig war ich sehr erfreut, dass sich trotz großer Hitze zehn Teilnehmende zusammenfanden, sich mit Aufstellungsübungen diesem Thema anzunähern. Ich hatte in der Ankündigung eine Triggerwarnung ausgesprochen und war gespannt, was sich zeigen würde und in welcher Intensität.

Ich habe das Thema gewählt, weil ich die Aufstellungsübungen „Ich als Täter/in“ und „Ich als Opfer“ in meiner Ausbildung bei Harald Homberger so einprägsam fand. Es waren die Übungen, die mir am stärksten eine ganz neue Perspektive auf mich gezeigt und somit zu einer inneren Erweiterung beigetragen hat. Damals haben wir die Übung während einer Seminarwoche bei Auschwitz gemacht, also an einem Ort, in dem die beiden Pole Täter/in und Opfer in ihren schlimmsten Extremen ausgeprägt sind. Harald berichtete immer wieder über Aufstellungen von Angehörigen von NS-Täter/innen oder NS-Opfern. Er habe immer wieder gleiche Phänomene in unterschiedlichen Aufstellungen wahrgenommen. Die Stellvertreter für die NS-Täter/innen würden oft wie unberührbar in den Aufstellungen stehen und nicht auf das mithin monströse Leid schauen, an dem sie beteiligt waren. Angehörige, die mit einer der beiden Seiten identifiziert seien, würden oft verrückt vor lauter unterdrückter Schuld, Leid oder Verantwortung. Es gehört also einiges dazu, sich diesem Thema anzunehmen.

In Bezug auf das Thema Trauma (durch Opfer-Sein) habe ich über hundert erlebte und selbst durchgeführte Aufstellungen als Grundlage für die Vermututung, dass das Aufstellungsfeld, wenn es achtsam, bewusst und stark gehalten wird, auch eine regulierende Wirkung haben kann und Aufstellende wie Stellvertreter/innen nicht retraumatisiert werden müssen. Aber es gibt auch Fälle, in denen Menschen genau davon berichten, dass ihnen das in einer Aufstellung passiert ist. So, wie es übrigens auch in jeder Therapiestunde vorkommen kann. Manchmal ist die Retraumatisierung vielleicht für uns auch nicht offensichtlich. Es ist also wichtig und noch in der Forschung zu schauen, was es in für eine gute traumasensible Aufstellungsleitung braucht, damit Retraumatisierung nicht geschieht.

Erfahrungen aus dem Workshop

Gut ist es, bei so einem Thema mit einer Ressourcen-Aufstellung zu beginnen, deshalb haben die Teilnehmenden zu Beginn einen konkreten oder idealen sicheren Ort für sich aufgestellt. Die Erfahrung des sicheren Ortes beruhigt und stärkt das Nervensystem, an die es sich erinnern kann, wenn es bedrohlich wird. Danach haben wir eine Gruppenaufstellung gemacht, in der die Gruppe geteilt war: Die eine Reihe sollte sich als fiktive/r Täter/in einspüren, die andere als fiktive Opfer. Es haben sich so viele Facetten von „Täter-Sein“ und „Opfer-Sein“ gezeigt, wie wir danach im Austausch bemerken konnten. Es ist jedes Mal erstaunlich, wie detailliert Aufstellung verschiedene Aspekte einer Dynamik abbilden kann. Auf der Täterseite beispielsweise gab es den aggressiven Angreifer oder Unterdrücker, aber auch den Mitläufer, der sich nicht wirklich für die Opfer interessiert, sondern sich eher an den anderen Täter/innen orientiert. Oder zwei Täter/innen, die sich miteinander gemessen und auch bedroht haben. Auch die Stellvertreter/innen für Opfer haben sehr verschiedene Bewegungen wahrnehmen können: Von stark verängstigtem Verschwindenwollen, über Erstarrung bis hin zum Willen, sich zu wehren und nicht unterkriegen zu lassen. Das Magische ist ja wirklich immer wieder: Keine/r hat seine Rolle gespielt! Die unterschiedlichen Erlebensweisen haben die Teilnehmenden einfach erfasst.

Welche Bedeutung hat meine Erfahrung mit meinem Täter- und Opfer-Anteil?

Danach haben sich die Teilnehmenden zu zweit zusammen gefunden und haben jeweils zuerst ihren Täter-Anteil und dann ihren Opfer-Anteil aufgestellt. Da dies sehr persönliche Erfahrungen sind, würde ich gern von meiner eigenen berichten. Mit meiner Kollegin Eva habe ich die Übung kurz vorgezeigt. Folgendes schilderte sie mir als mein Täter-Anteil: Sie hatte Lust mich zu provozieren und anzugreifen und da ich nicht reagierte, wechselte sie über in eine abwartende Erwartungshaltung, dass ich zu ihr kommen solle. Ich habe eine Sekunde überlegt, aber dann fiel mir sofort ein, dass mein Kontakt- und Bindungsverhalten in manchen Situationen genauso ist: Ich provoziere dann mit Worten, vielleicht sogar um die Schwächen von anderen vorzuführen. Oder ich verurteile oder kritisiere sehr stark. Und dann wundere ich mich, wenn das Gegenüber keine Lust mehr hat, mit mir zu kommunizieren und warte vergeblich darauf, dass jemand auf mich zukommt. Das geht dann schon über in das Erleben als Opfer übrigens, was zeigt, wie nah beide Seiten beieinander sein können. Ich kenne diese Art der Kommunikation natürlich auch von zu Hause. Bzw. habe ich es mir gegenüber meinen Eltern als Bewältigungsstrategie zugelegt, sie zu kritisieren, um mich vor dem Schmerz fehlender echter Empathie und Verständnis zu schützen. Das ist Teil der sogenannten „Anmaßung des Kindes“, wie Bert Hellinger es nannte, in der Not größer sein zu wollen oder zu müssen als die eigenen Eltern.

Es geht im Spannungsfeld von Täter/in und Opfer essentiell auch um die Pole von Macht und Ohnmacht oder Macht und Gegenmacht. Die Übung ermöglicht mir, sensibler dafür zu werden, wenn ich wieder in das täterhafte Verhalten rutsche. Oder es im Nachhinein zu bemerken und dann zu schauen, wie ich mich in der Situation gefühlt habe, bevor oder als ich begonnen habe zu provozieren oder zu kritisieren. Denn am Ende geht es vor allem beim Täterverhalten darum, die Auslöser zu bemerken. Das kann in manchen Situationen mit Handlungsspielraum sicherlich auch für das Erleben von Opfersein gelten. Also in welchen Situationen werde ich wehrlos und warum?

Für das das Erleben als Opfer stellt sich für mich die grundlegende Frage, wann bin ich ein Opfer äußerer von mir nicht oder kaum mehr zu beeinflussender Umstände und wann habe ich vielleicht eine Wahrnehmung von mir als Opfer in Situationen, die ich aufgrund negativer Vorerfahrung missdeute oder in die mich reinmanövriere? Wir hatten in der Runde zu Beginn des Workshops damit begonnen, uns darüber auszutauschen, wann wir uns nach unserem Verständnis als Täter/in und wann als Opfer erleben. Mit den Übungen war es möglich, dies zu überprüfen. Das ist der Sinn dieser Übungen und der Workshops insgesamt: Erfahrungsräume begehen, Anteilen von sich in einer Klarheit begegnen, sie von anderen gespiegelt zu bekommen. Es kann die eigene Selbstwahrnehmung erweitern, je nachdem wie wir es psychisch und seelisch nehmen können, was wir in einer Aufstellung erleben. Meiner Auffassung nach sollte ein gewisser innerer Freiraum da sein, sich diesen Anteilen zuwenden zu können. Unterstützend können dabei Zeug/innen sein, die insbesondere für das eigene Erleben als Opfer da sind. Dazu gehören auch Therapeut/innen, die bezeugen, dass das, was von einem selbst in einer Situation der Übermacht zum Opfer fiel, wirklich schlimm war.

Die Wichtigkeit von Zeug/innen

Zum Ende des Workshops haben die Teilnehmenden eine Übung gemacht, in der sie jemanden, von dem sie sich verletzt fühlen oder den sie verletzt haben, aufstellten. Dazu sollten sie einen Zeugen stellen. Bei der Planung dachte ich, dass es ein Zeuge für die aufgestellte Situation ist und es sich zweigen wird, was seine Rolle ist. Vor Ort hatte ich den Impuls, den Zeugen eher denen zu widmen, die aufstellen. Bzw. hat sich das in den Übungsgruppen so ergeben. Die Aufstellungsübung war im Grunde eine kleine Aufstellung. Durch kleine Interventionen habe ich versucht, die Bewegung in den drei Aufstellungen zu einer guten Lösung kommen zu lassen. Ganz unterschiedlich ausgeprägt gab es eine Bogen von Spannung, Hilflosigkeit, Unverständnis, Streit über Zuwendung, Schutzsuchen, Trauern hin zu Ruhe oder vielleicht auch Entspannung und Frieden miteinander.

Im Nachhinein denke ich, dass zwei Zeug/innen gut gewesen wären. Denn die Verletzten brauchen eine/n Zeug/in, aber die Verletzenden auch! Harald hat immer gesagt, dass die scheinbar unberührbaren NS-Täter/innen in den Aufstellungen auch berührt werden müssen. Besonders beeindruckend erzählte er von einer Aufstellung von Bert Hellinger in einer Kirche, in der ein Stellvertreter für einen Mann mit höherem Rang im NS-Regime wie eingefroren steif da stand und abwesend in die Ferne schaute, während sich vor ihm das Leiden abspielte. Plötzlich sei aus dem Publikum, das es bei Hellingers Aufstellungen damals gab, ein Hund gekommen und hätte sich um die Füße des Stellvertreters gelegt. Dann kam der Mann in die Rührung und weinte.

Das Thema ist sehr komplex und ich habe hier nicht alle Aspekte mitgedacht. Ich fand die Ergebnisse des Workshops jedoch so wertvoll, dass ich sie mit der geneigten Öffentlichkeit teilen möchte. Aufstellungsarbeit ist Pionierarbeit, habe ich den Teilnehmenden zur Reflexion des Workshops geschrieben. Um aus den ewig alten Täter-Opfer-Dynamiken auszusteigen, dabei kann auch dieser Workshop unterstützen. Ich werde ihn mit Sicherheit erneut anbieten.

Tätersein und Opfersein in der Familienaufstellung

(Mit-)Täterschaft in der eigenen Familie

Das Foto zeigt erneut meinen Vater, dieses Mal als Teenager mit seinen Eltern. Erst gestern habe ich über die Recherche-Möglichkeit auf der Internetseite von DER SPIEGEL herausgefunden, dass auch mein Großvater bei der NSDAP war. Ich wusste von meinem Vater, dass mein Urgroßvater, der Vater dieses Großvaters, Mitglied war, aber mein Vater erwähnte nie, dass sein eigener Vater auch Mitglied war. Ich hätte ihn gern gefragt, ob er es gewusst hat. Ich bin immer noch schockiert, zumal mir erst vor kurzem bewusst wurde, dass man sich schon anstrengen musste, um in die NSDAP aufgenommen zu werden. Vielleicht und wahrscheinlich hat mein Urgroßvater da eine prägende Rolle gespielt. Das Verrückte ist, dass dieser Urgroßvater nach Kriegsende in die SED eingetreten ist.

Und dennoch frage ich mich: Kann ich meine beiden Großväter verurteilen? Bzw. was bringt es mir? Ich spüre eher dahin, stelle es mir vor und dann wird mir schlecht. Was waren ihre Gründe? Die Vorstellung, dass beide vielleicht auch der NS-Ideologie mehr als weniger zugestimmt haben, erzeugt bei mir Übelkeit. Oder ging es um Karriere oder dazu zu gehören? Beide Ahnen gehören – für mich unbekannterweise – vollkommen zu meiner Geschichte dazu und ihr Verhalten hatte auch familiär eine Wirkung. Sogar mein Vater, hochsensibler Pazifist und Gegner von Fremdbestimmung und Diktatur, kokettierte am Ende seines Lebens mit der politischen Rechten. Er hatte fast alle einschlägigen Bücher zur Entstehung des Nationalsozialismus gelesen, wir haben Konzentrationslager besucht, viel darüber gesprochen und über seine Nähe zur Rechten natürlich auch heftigst gestritten. „Das Private ist politisch“ könnte man auch so lesen, dass sich private familiäre Strukturen, die ja immer auch durch gesellschaftliche Strukturen und Ereignisse mitgeprägt sind, in der politischen Einstellung niederschlagen. Es gibt mit einiger Sicherheit mehr als ein aufgeklärtes politisches Bewusstsein und Wissen, das Menschen in die eine oder andere Partei (oder zur Wahl dieser) treibt. Damit beschäftigt sich ein ganzer Wissenschaftszweig, der versucht, die Entstehung politischer Einstellungen zu erklären.

Verstrickung von Täter/in und Opfer

Mithin fließen in politische Einstellungen auch eigene „verstrickte“ Erfahrungen als Opfer und Täter/in ein sowie die in der Herkunftsfamilie, die eine/n eben auch prägen. Bert Hellinger, der das phänomenologische Familienstellen hier berühmt gemacht hat, hat stark umstrittene Ansichten hinsichtlich Schuld und Täter/Opfer-Verhältnis gehabt. Ich konnte seinen Ausführungen auch immer einiges abgewinnen, das sich für mich einfach richtig angefühlt hat. Grundsätzlich sagte er, dass das Verhältnis von Täter/in und Opfer immer „verstrickt“ sei. Mit „Verstrickung“ ist im Familienstellen meinem Verständnis nach gemeint, dass jemand etwas wiederholt oder andeutet, das jemand anderes getan oder erlebt hat. Eine Verstrickung mit einem Täter kann sich beispielsweise wie folgt zeigen: Ein Mann in der Familie verhält sich auffällig, er spricht abfällig oder häufig sexualisiert über Frauen, und mehrere spüren, dass er sich auch körperlich unangenehm nähert, manchmal kommt dieser Mann einem Kind vielleicht auch deutlich zu nah. Aber es kommt nie zum Vollzug eines Missbrauchs. Ich habe das öfter schon in Aufstellungen gehört. In zwei Aufstellungen, die ich erinnere, zeigte sich, dass der eigene Bruder oder der Bruder der Mutter sich so verhalten haben. Im ersten Fall hatte die eigene Mutter eine Vergewaltigung erlebt, im zweiten Fall war es wahrscheinlich die Großmutter. Manchmal zeigt sich dann sogar eine Verbindung dieses Mannes aus der eigenen Familie mit dem Stellvertreter, den man für einen Täter reinstellt. Diese Verstrickung geht auch mit jemandem, der Opfer war. Wir nennen es im Familienaufstellen „jemanden reinholen“, um ein unbekanntes und ungesühntes Schicksal über die Verstrickung sichtbar zu machen. Aus der Traumaforschung ist das Phänomen des „Täterintrojekts“ bekannt. Als ein Täterintrojekt wird ein eigener abgespaltener Seins-Anteil bezeichnet, aus dem heraus jemand die eigene erlebte Ohnmacht als Opfer darüber zu verarbeiten versucht, dass er selbst zum Täter/zur Täterin wird – und Macht ausübt.

Wie können wir Verletzung von Opfern spüren?

Das, was wir „Verstrickung“ nennen, geschieht dabei eher auf der seelischen Ebene, die wir symbolisch ausdrücken. Wie genau, ist schwer und vielleicht auch nicht nötig zu erklären. Ich möchte noch eine andere Form der transgenerationalen Weitergabe von Täter- und Opferschaft erwähnen. Wächst man in einer Familie auf, in der es eine oder mehrere Verletzungen von Menschen durch Missbrauch oder Vergewaltigung gab, dann wächst man eben auch mit den Körpern dieser Menschen auf. Man kann erleben, dass man diesem verletzten Menschen körperlich nie richtig nah sein konnte. Oder man spürt den Stress, den körperliche Nähe bei diesem Menschen auslösen kann. Manchmal geht von stark verletzten Menschen auch ganz starke Ablehnung aus. Hier könnte möglicherweise dann eine sogenannte Übertragung des eigenen Schicksals auf die eigenen Kinder vorliegen. Die Wege, wie ungesühntes Opfersein und Tätersein zum Ausgleich strebt, sind mannigfach. Für die Opfer braucht es geschützte Räume, damit sie ihr Leid verarbeiten können. Das Ziel muss immer sein, dem Opfer wieder so viel Lebensmöglichkeit wie möglich zurückzugeben.

Wie kann man auf Täter/in in der Aufstellung schauen?

Manchmal macht es Sinn, den Täter/die Täterin mit in die Aufstellung zu nehmen. Das muss sehr achtsam geschehen, damit die Opfer nicht retraumatisiert werden. Wenn es keinen absolut verlässlichen sicheren Ort/Menschen für den Menschen mit Opfererfahrung gab, nehme ich neuerdings eine/n Stellvertreter/in für einen „Schutz, den der verletzte Mensch gebraucht hätte“ mit in die Aufstellung. Das kann eine so starke Wirkung auf das gesamte System haben, wenn einmal die Information von „gutem und richtigem Schutz“ gespürt werden darf. Potenziell ist ja jede Energie, jede Form von Fühlen, Denken und Handeln in jedem von uns. In der Traumatherapie werden aktiv Ressourcen durch Imagination oder Objekte aktiviert und reingeholt, damit sich das Nervensystem beruhigen kann. Genau das kann man in einer Aufstellung auch machen. Oft gibt es dann ganz viel Entspannung und es wird erst mal überhaupt möglich für alle Beteiligten, sich umzuschauen, mit einander (über Blicke) in Kontakt zu gehen oder gar sich zu bewegen.

Wer schon Aufstellungserfahrung und Interesse hat, sich eigene Opfer- und Täteranteile anzuschauen, den lade ich herzlich ein zum Workshop „Ich als Opfer und ich als Täter/in“. Mehr Informationen sind hier zu finden: Link.

Welche Magie liegt in deinem Schicksal?

Das Bild zeigt meinen bereits verstorbenen Vater und meine Halbschwester auf einer alten Straße, auf der meine Großmutter als junge Frau mit ihrer Großmutter, ihren Eltern, ihrer Schwester und Nichte das Dorf im heutigen Polen in Richtung Deutschland verließ. Das ganze Dorf machte sich im Treck im Januar 1945 auf den Weg und kam gerade noch so über die Oder-Brücke bei Frankfurt/Oder. Meine Oma war damals frisch schwanger mit meinem Vater, der mit ihr neun Monate zu Fuß unterwegs war. Abgesehen davon, dass meine Oma eigentlich keine Kinder haben wollte, war die Schwangerschaft auf der Flucht natürlich eine immense Belastung. Mein Vater ist in der Nacht der Ankunft am Zielort trotz alledem auf die Welt gekommen.

Ein Wunder, denke ich. Mit welcher Kraft und welchem Zufall ist diese Seele auf die Erde gekommen? Wenn man dann den menschlichen Organismus meines Vaters anschaut, kann man sehr gut erkennen: So wie seine Zeugung, Schwangerschaft und Geburt war auch sein Leben – sogar sein Tod. Viel Stress und Unglück, aber auch immer wieder Glück im Unglück. Der Zweite Weltkrieg spielt auch nach fast 90 Jahren in vielen Aufstellungen immer noch eine Rolle, wirkt sich auf die Leben von uns heute Lebenden aus. Im Krieg gebliebene Väter, auf der Flucht unsichere oder missbrauchte Großmütter, Urgroßeltern, die ihre Lebensgrundlagen verlassen mussten oder durch Ausbombung verloren haben, Mütter, die die Flucht als Kind erlebt haben.

Wenn man sich das Leid, dass wir Menschen in einem Leben anhäufen können, mal vorstellt in seiner wirklichen Bedeutung für den im Grunde so verletzlichen Organismus Mensch, kann man eigentlich nur staunen, wie widerstandsfähig wir als Menschen sind. Wie viel unser Organismus an Schmerzen irgendwie „wegstecken“ kann, ohne daran zu sterben. Deshalb machen uns Menschen, die sterben, krank oder süchtig sind, manchmal auch Angst, denn es erinnert uns daran, wie es ist, etwas nicht mehr wegstecken zu können.

Unsere heutigen Kulturen sind sehr stark geprägt von diesem Wegstecken als Überlebensmodus. Im Grunde leben große Teile die Menschheit nur noch im Überlebensmodus. Wenn wir genauer hinschauen, dann wird jede/r von uns das in seinem eigenen Leben auch entdecken können. Wie kann dann eigentlich noch Heilung geschehen? Ich glaube und erlebe es, dass wir den Überlebensmodus verlassen, wenn wir uns wieder mit dem Magischen verbinden. Das Magische ist alles, was uns in die Lebendigkeit bringt. In die Lebendigkeit bringt uns nicht nur das Glück, die Freude oder die Ruhe. All das Positive kann manchmal erst wieder vom Organismus erlebt werden, wenn wir uns das, was uns unglücklich macht, noch mal angeschaut haben. Auf die eine oder andere Weise. Es ist dann wie die magische und eben auch gefährliche und schmerzhafte Reise, die beispielsweise der Junge Atréju aus Die unendliche Geschichte durchgemacht hat. In vielen Geschichten machen Kinder diese Reise, weil Kinder noch stärker mit dem Magischen verbunden sind und daher Superkräfte haben.

Für mich ist das Magische das Empfinden und Ausdrücken von Freude und Leid, Stimmen und Sprachen von anderen Lebewesen hören und verstehen zu können, die Freiheit zu wählen, was ich möchte und was nicht, was stimmig ist und was nicht, die Freiheit, intuitiv und selbstbewusst zu handeln, die Sicherheit, Unterstützung zu finden und getröstet zu werden. All das fließt am Ende in einem Gefühl zusammen – in das Urvertrauen der Liebe. Aber bevor wir da ankommen, ist erst mal lebendig werden angesagt. Und dabei kann das Familienstellen meiner Ansicht nach tief unterstützen, denn es ist eine magische Praxis. Menschen kommen in einem Kreis zusammen und machen gemeinsam Heilarbeit – was gibt es Einfacheres und Schöneres?!

Manche sagen, wie sind alles magische Wesen und haben alle die Fähigkeit zu heilen. Mir gefällt das Bild, dass alle Menschen verwundete Heiler sind (nach der mythologischen Figur des Chiron). Was ist deine magische Praxis? Wo heilst du dich und andere auf magische Weise?

Mitgefühl mit dir als Kind

Um auf sich selbst als Kind zu schauen, finde ich den Begriff des ‚inneren Kindes‘ zunehmend unpassend. Passender scheint mir „Ich als Kind“. Denn ich als Kind und ich als – aus diesem Kindsein – Erwachsene – das ist ein Mensch. Das innere Kind kann auch schnell eine Projektionsfläche werden. Es gibt viele schematische Theorien und Annahmen, was dieses innere Kind brauche und was nicht. Alle unsere Erfahrungen als Kind leben in uns weiter, bis zu unserem Tod und vielleicht sogar darüber hinaus. Erfahrungen mit Erlebnissen, die stattgefunden und die eine Wirkung haben, jede Erfahrung ist – auch körperlich – in uns aufgehoben.

Der Kosmos und das Erleben des kleinen Kindes ist unendlich und genau deshalb lebt es, wenn es gesund ist, im Hier und Jetzt. Aber auch jede Erfahrung, die im Hier und Jetzt schlimm ist, wird als unendlich erlebt. Es lohnt sich, sich bewusst machen, dass wir über viele Jahre hinweg Erfahrungen gemacht haben, die uns unendlich erschienen. Die Erfahrung einer fehlenden, schwachen, belastenden oder plötzlich wegbrechenden Bindung zu den Eltern, die von niemandem nachhaltig aufgefangen wurde zu einem frühen Zeitpunkt der Kindheit, lebt über Jahre in uns fort bis zum heutigen Tag. Ich finde, es lohnt sich, sich das auf der Zunge zergehen zu lassen und eine Reise in den Kosmos dieses Kindes, in deinen eigenen Kosmos, anzutreten.

Um die sinnliche Dimension des Erlebens von uns als Kind abzubilden, eignet sich die Aufstellung, da sich im szenischen Geschehen können sich unsere sinnlichen Erfahrungen spiegeln. In dieser Spiegelung bezeugen die Stellvertreter/innen die gemachten Erfahrungen und genau dieses Bezeugen ist ein elementarer Bestandteil, der Heilung möglich macht. Denn ein Kind in Not braucht immer jemanden, der genau versteht, was gerade so schlimm ist. Die Erfahrung, dass genau das erkannt und abgebildet wird, kann sehr heilsam sein.

Es muss nicht immer um die direkte Beziehung zu den Eltern gehen muss. Ich denke, dass über das konkrete Bindungstrauma hinaus alle transgenerationalen Verstrickungen und Identifizierungen, die wir in den Aufstellungen sehen können, in unserer Erfahrung als Kind enthalten sind. Denn alles, was unsere Ahnen erlebten und was sie prägte, fließt ein in ihr Vermögen, in Beziehung oder Bindung mit ihren Partner/innen und Kindern zu gehen.

Die Bindung beginnt mit der Zeugung, mit der Energie, mit der Eizelle und Spermium aufeinandertreffen und sich verbinden. Wie reagiert die Eizelle auf das Spermium, wir reagiert der Körper der Frau auf die eingenistete Eizelle, wie der des Mannes auf die schwangere Frau? Schwangerschaft und Geburt sind von immenser Wichtigkeit, sie können viel Aufschluss darüber geben, wie und warum du dich fühlst, wie du dich fühlst. Wir können nicht fein genug sein bei der Reise in diese Dimensionen und ein echtes Gefühl, ein echtes Mitgefühl mit uns als kleinstes Wesen zu entwickeln. Nach Jahren fehlender sicherer Bindung brauchen Kinder viel Vertrauen und Sicherheit, sich zu öffnen. Auch du selbst.

Um überhaupt einen Wahrnehmungsraum zu öffnen für dieses Mitgefühl ist meiner Erfahrung nach viel Übung und Begleitung notwendig. Mehr, als wir uns alle vorstellen, es zeitlich einrichten und finanzieren können. Ich denke dennoch, dass im Mitgefühl für uns als Kind der Schlüssel zur Lösung (fast) aller Probleme liegt. Denn wenn wir das spüren können, leben wir für uns ein anderes Leben, dann wird es eine andere Welt.

Wie diese andere Welt aussehen kann, habe ich erst letzte Woche auf der ersten Trainingsblock im Somatic Experiencing (SE)® erlebt. Das SE ist in seiner Grundkonzeption und auch in der konkreten Gestaltung der Weiterbildung dermaßen präsent, präszise, fein und achtsam für die oben genannten Erlebensdimensionen von sicherer Erfahrung bis hin zur hohen Traumaktivierung, dass allein schon die Teilnahme an so einem sicheren Setting sehr viel in allen Teilnehmenden bewegt und tief berührt hat.

Ich möchte die oben genannten Qualitäten von Präsenz, Präzision, Feinheit und Achtsamkeit, die ich bereits von meinem Ausbilder im Familienstellen gelernt habe, in meiner Aufstellungsarbeit vertiefen, sie sollen die Aufstellenden gut begleiten. Und dazu gehört, dass oft weniger mehr ist, auch in der Aufstellung. Von „Titration“ spricht man in diesem Zusammenhang in der Traumatherapie, das heißt dem wohl dosierten Entladen von gespeicherten Trauma-Spannungen. Und einer sicheren Einbettung in die vorhandenen Ressourcen, was man „Integration“ nennt.

Ich freue mich auf die Integration meiner neuen Lernerfahrungen und lade dich ein, dich von mir und anderen Begleiter/innen, die in diesem Sinne arbeiten, unterstützen zu lassen auf deinem Weg zum Mitgefühl für dich selbst.

Kindsein

Ich hatte im vorletzten Newsletter von meiner Wahrnehmung erzählt, dass ich in einer Therapiesitzung äußerte, ich würde mich nur zu 2% erwachsen fühlen bzw. nach ein paar mehr Sitzungen zu 10%. Neulich haben wir in einer Sitzung die Aufmerksamkeit weg von den überforderten 2% auf die übrigen 98% gelenkt. Was ist eigentlich mit diesem riesigen Anteil? Interessanterweise fühlte es sich an wie 98% freies, aber ungelebtes Kind. Die Bewegung dieses Kindes war – wie wenn man träumt – in riesigen fliegenden Sprünge über die Welt zu hüpfen und alles auf einmal erleben zu wollen. Eben das Bedürfnis nach dem Ausleben wahrscheinlich unterdrückter Lebensenergie oder Lebensentfaltung.

Ressoucenanteile stärken in der Traumatherapie

Bei einigen körperorientierten Traumatherapien ist das Kernanliegen die Regulierung des Nervensystems hin zu einem gesunden Pendeln im Alltag zwischen Stress/Anspannung und Entspannung/Ruhe. Daher haben wir auch in meinem Fall gearbeitet mit dem Pendeln zwischen diesem verantwortungsvollen, arbeitsamen und gewissenhaften Teil und dem, der sich einfach nur bedenkenlos in die Welt stürzen möchte. In diesem Fall kommt die Entspannung durch die Bewegung in Freiheit und Sicherheit (gesunde Autonomie). Es geht also nicht nur um die Integration des Erlebens traumatisierender Ereignisse und Umstände, sondern immer gleichzeitig auch um die Integration der Ressourcen und ungelebten, kraftvollen Anteile, die leben und sich ausdrücken wollen.

Sich als Kind aufstellen

Wenn wir heute als Erwachsene zur Therapie gehen, machen wir in meinen Augen quasi Therapie für uns als Kind. Aber die erwachsenen Anteile kümmern sich und organisieren die Therapie. Ich arbeite in der Aufstellung oft damit, dass ich beispielsweise eine Klientin als Kind mit einer Stellvertreterin externalisiere, um erfahrbar zu machen, dass es uns als Kind eben auch noch in uns gibt und dass vieles, was wir als traumatisch erlebt haben, dem Kind passiert ist. Oft ist es eine zutiefst heilende Erfahrung, sich als Erwachsene von heute, diesem Kind anzunehmen. Ich lasse die Klient/in dann Sätze sagen wie“Ich sehe dich und geh nicht mehr weg.“ oder „In meinem Herzen ist dein guter Platz, da bist du sicher.“ Die Idee dahinter ist, dass die Eltern heute eben nichts mehr für das Kind von damals tun können und dass deshalb wir uns um uns kümmern müssen. Dem entspricht das ganze Konzept der Selbsterfahrung von beispielsweise Stefanie Stahls „Das Kind in dir muss Heimat finden“.

Von der Schwierigkeit, auf sich selbst als Kind zu schauen

Es gibt eine sehr wichtige und näher zu beleuchtende Erfahrung vieler Klient/innen inklusive mir selbst. Viele können nicht auf sich als Kind schauen, sie wollen da nicht hinschauen. Warum ist das so? Wenn wir auf uns als Kind schauen, wird auch das Trauma ins uns aufgerufen. Dort stehe ja ich, die all das Schlimme erlebt hat. Interessant ist zu beobachten, dass das Ausmaß an Trauma nicht immer mit der Fähigkeit korreliert, auf sich als Kind schauen zu können. Es gibt Menschen mit größerer Traumatisierung, die schnell und empathisch auf sich zugehen können. Andere brauchen länger.

Dem Kind von damals heute eine Stimme geben

Vielleicht korreliert die Fähigkeit, sich sich selbst zuzuwenden eher mit der Empfindung von Kränkung. Die Kränkung, dass wir nicht gesehen und geschützt oder gar geliebt wurden, kann so stark sein, dass wir auch heute noch in diesem Zustand als Kind verharren. Es kann auch verbunden sein mit der Hoffnung und Erwartung, dass die Eltern uns doch noch sehen und alles gut machen. Und auch das muss zutiefst ernst genommen und gewürdigt werden. Auch diese Hoffnung, dieser sehnliche Wunsch in uns ist vollkommen berechtigt und braucht Platz, da sein zu dürfen. Hier passt dann der Satz: „Du (Vater, Mutter) hättest da sein müssen, ich hätte dich gebraucht, du bist die Große, ich die Kleine.“ Gesprochen aus der Not von damals. Dann ist es kein Vorwurf, sondern ein Sich-Zeigen in der wahren Bedürftigkeit.

Die reale Verantwortungsbeziehung zu benennen, ist manchmal ein wichtiger Schritt. Manchmal bringt das den Impuls, dass sich ein Elternteil bewegt, weil man ihn mit den Worten erreicht hat. Oder in der Klientin fühlt es sich leichter an, weil sie von der Verantwortung befreit ist, auch noch für sich Verantwortung zu übernehmen bzw. sie zum ersten Mal die Information hört, dass jemand anderes ihr was abnehmen kann bzw. hätte nehmen müssen. Wir heilen das Kind in uns nicht allein. Es braucht immer eine Zeugin, ein Gegenüber, dass uns in unserer Not bestätigt und spiegelt, dass wir richtig sind. Für die langfristige Integration ist dann jedoch notwendig, dass wir zu uns und unseren Gefühlen und unseren Regulierungsstrategien eine Beziehung aufbauen, das heißt uns mit allem wahrnehmen und dem Raum geben, mit uns zu sein und uns so sein zu lassen, wie wir gerade sind.

Dahin gibt es verschiedene Wege. Das Familienstellen in der Art und Weise, wie ich es gelernt habe, ist ein gutes Übungsfeld. Aber auch jede andere Therapie und auch Achtsamkeitspraxis kann dich dabei unterstützen, dich besser in all deinen Facetten kennenzulernen und für dich da zu sein.

Erwachsensein

Als ich vor dem Sommer eine neue Therapie mit Somatic Experiencing und NARM begonnen habe, kam mir nach einer Intervention der Therapeutin spontan der Gedanke, dass ich mich eigentlich nur 2% als Erwachsene und somit 98% als Kind empfinde. Und dann kam mir der Gedanke, dass mein gesamtes „erwachsenes Leben“ aus den 2% gestemmt werden muss. Ich fand das erstaunlich passend. Genauso fühlt es sich von den Kräfteverhältnissen häufig in mir an. Oft Überforderung und dadurch Erschöpfung. Nach vier Sitzungen bei ihr bin ich gefühlt bei 10% Erwachsensein.

Wie erwachsen fühlst du dich?

Wie ist das bei dir? Wie fühlt sich für dich Erwachsensein an? Und wie viel Prozent fühlst du dich erwachsen oder noch als Kind? Und wie kann man aus den kindlichen Mustern „er-wachsen“? Wenn du schlecht Entscheidungen treffen kannst, häufig gekränkt bist, „empfindlich reagierst“, von Gefühlen überwältigt wirst und lange brauchst, dich zu beruhigen, andere häufig nicht verstehst oder ihr Verhalten ungerecht empfindest und dich ärgerst, dich viel in Gedanken mit Dingen beschäftigst, dich viel ablenkst oder in etwas hineinsteigerst – all das können Anzeichen sein, dass dein kindlicher Anteil stark ausgeprägt ist und Anteile von dir nicht wachsen konnten oder wollten – eventuell als Folge eines Traumas.

Das „erwachsene Kind“

Ich fand es erstaunlich, dass ich auch nach etlichen Psychotherapien und Aufstellungen, in denen ich als Kind Dinge übernommen und abgegeben hatte, immer noch eine derart große innere Wahrnehmung von mir als Kind hatte. Meine Mutter hat mir über die Jahre immer mal wieder erzählt, dass ich als Kind sagte, ich möchte nicht erwachsen werden. Vielleicht habe ich mir das damals geschworen, weil ich die Erwachsenen so schlimm fand? Schwüre können sehr mächtig sein, sie wirken vor allem seelisch. Interessant finde ich zudem, dass das Kindlich-Sein bei mir gar nicht sichtbar war, sondern das Gegenteil. Ich habe sogar ziemlich viel getan, es zu verstecken oder zu unterdrücken. Ich war schon sehr früh verantwortungsvoll was die mir aufgetragenen Aufgaben und Herausforderungen angeht und habe schnell kindlichen Leichtsinn verloren. Vermeintlich „früh erwachsene“ Kinder leben jedoch meistens eine Schein-Autonomie, da es eigentlich ihre Überlebensstrategie ist, vernünftig, klug, schön, aktiv, arbeitsam, hilfsbereit etc. zu sein. In der Schein-Autonomie muss man nicht unbedingt „vernünftig“ werden, manche bleiben im Verhalten auch offensichtlich kindlich, ohne die Strategie der vermeintlichen Überlegenheit – das ist immer im Kontext der Familie und der Wesenheit des jeweiligen Menschen zu sehen.

Das unausgewachsene Nervensystem

Dem seelischen Schwur entspricht in meinem Fall auch ein durch die Überforderung geprägtes Nervensystem. In der Traumatherapie gibt es das Bild (und ein plastisches Modell), in dem das Nervensystem im traumatisierten Zustand zusammengezogen ist wie ein zackiger Stern. Wenn es sich entspannt, dehnen sich die zusammengezogenen Bahnen zu einem viel größeren, runden, schönen Ball aus. Mittlerweile bedeutet daher für mich erwachsen zu sein, dass ich im Alltag meistens derart entspannt oder den Situationen angemessen fokussiert und angespannt bin. Dass ich mit einem Abstand reagieren und entscheiden kann und dass beides meinem Wesen, meiner Prägung und meinen Bedürfnissen – oder eben manchmal den äußeren Erfordernissen entspricht. Und das vielleicht insgesamt zu einem Maß von 80%?

Wie kann Familienaufstellung beim Er-Wachsen helfen kann

Familienaufstellung kann das Kind in dir in deiner Seele und deinem Herz erreichen, dir sehr plastisch vermitteln, dass das Kind in dir lebt und dich oder jemanden braucht, weil es vielleicht sehr verzweifelt ist. In der Konstellation mit deinen Eltern oder mit jemanden anderes, der dich verletzt hat, wird darüber hinaus nachvollziehbar, was du als Kind gebraucht hättest und was dir nicht gut getan hat. Was dich vielleicht zu früh hat „erwachsen“ oder „groß“ werden lassen – oder was dich klein gehalten hat. Wenn man die Wirkung von Überforderung, fehlender sicherer Bindung oder Schock mit der Entwicklung des Nervensystems betrachtet, sind ist beides das Gleiche.

Was es manchmal noch zusätzlich braucht

Manchmal, vor allem wenn der/die Aufstellungsleitende körpertraumatherapeutisch ausgebildet ist, kann sich das Kind auch im Körper ausdrücken. Jedoch gibt es therapeutische Interventionen wie das SE und NARM, die die Hilfesuchenden dabei gezielt unterstützen, die kindlichen oder traumatisierten Anteile körperlich auszudrücken und „zu entladen“. Sanftere Methoden wie die Craniosakrale Therapie zielen auf noch unbewusstere, tiefere Schichten wie den Liquor im Rückenmark ab. Manchmal braucht es nach einer Aufstellung noch eine solche Intervention, dass sich das seelisch und psychisch Angestaute über den Körper entladen oder ausbalancieren kann.

Damit sich dein Kind wirklich ganz sicher und hochprozentig verstanden fühlt, um sich zu zeigen in seiner größten Not, braucht es meiner Auffassung nach eine/n Therapeutin/en, der die Not sehr fein und verständnisvoll erkennt. Jede/r Therapeut/in versteht und erkennt unterschiedliche Themen. Damit du jemanden erkennst, der gut für dich ist, scheint es mir wichtig, erst mal dich selbst kennenzulernen, was da in dir wirkt und was du brauchst.

Wie wirkt Familienaufstellung?

Anmerkung: Den letzten Blog-Beitrag habe ich vor einem Jahr veröffentlicht. In der dazwischen liegenden Zeit ist mein Vater verstorben, was zum einen viel praktische, aber auch viel emotionale Arbeit mit sich brachte. An Veröffentlichungen war nicht zu denken. In dem aktuellen Beitrag geht es unter anderem um die Erfahrungen, die ich mit meinem Vater in und nach Aufstellungen gemacht habe.

Zu der Frage, wie Familienaufstellung wirkt, möchte ich anhand meiner eigenen Erfahrungen mit Aufstellungen berichten. Beschreibungen von anderen zeigen mir, dass es geteilte Erfahrungen sind, was die Art und Weise der Wirkung angeht. Die individuelle Auswirkung auf das Leben ist natürlich bei jedem Menschen verschieden.
 

Das Leid (Anliegen für die Aufstellung)

Ich möchte als Beispiel mein Anliegen nehmen, das ich vor ungefähr fünf Jahren für eine Gruppenaufstellung bei meinem Ausbilder Harald Homberger eingebracht habe. Es war meine zweite Aufstellung in meinem Leben, eine sehr bedeutsame, wie sich zeigen würde. Ich äußerte meine Empfindung, dass ich zu dieser Zeit besonders aber eigentlich schon immer nicht wusste bzw. mich fragte, warum ich da bin und was mein eigenes Leben ausmacht. So, als ob ich irgendwie da wäre, aber mir immer ein Gefühl dafür fehlte, was eigentlich „meins“ sei. Alles in allem war das Leben für mich oft recht anstrengend und belastend – heute würde ich sagen, weil ich versuchte, mit einem Ruder einen Überseefrachter zu navigieren.
 

Die Aufstellung

In der Aufstellung passierte äußerlich nicht viel. Aber innerlich hat sich für mich möglicherweise ein Berg versetzt. Ich sollte beide Eltern aufstellen, meinen Vater stellte ich in die eine Ecke und meine Mutter in die diagonal entgegengesetzte. Mich stellt ich in die Mitte. Sofort ging ich dann zu meinem Vater und hing mich irgendwie an ihn ran, ich wollte Kontakt und Halt bei ihm. Der Stellvertreter für meinen Vater, ein junger Mann, machte jedoch gar nichts, außer in sich gekehrt dazustehen. Er legte nicht den Arm um mich, wendete sich nicht mir zu. Ich wurde da schon sehr traurig und begann zu weinen. Irgendwann ließ ich meinen Vater los und kauerte mich auf den Boden und weinte und weinte, dass es mich nur so schüttelte. Der Aufstellungsleiter kam und holte mich aus dieser totalen Verzweiflung und hielt mich einen Moment im Arm, als ob er mich beruhigte wie ein Kind. Dann sagte ich in meiner Erinnerung nur einen Satz zu meinem Vater, der da immer noch mit geschlossenen Augen am selben Fleck stand: „Von mir aus darfst du gehen.“ Dann sollte ich auf mein eigenes Leben in eine andere Richtung schauen. Da wurde ich etwas ruhiger.
 

Der Hintergrund

Meinen Vater zog es schon lange aus dem Leben, er hatte von Kindesbeinen an mehrere lebensbedrohliche Unfälle und – als junger Mann – eine Nahtoderfahrung nach einem Stromschlag. Man könnte auch vermuten, dass mein Vater nie ganz im Leben angekommen ist. Quasi nebenbei wurde er am Ende der mehrmonatigen Flucht meiner Oma aus Polen nach Deutschland geboren. Ein Wunder, dass er und meine Oma das überlebt haben.

Die Aufstellung zeigte aber auch, dass ich mit meinem Herzen voll und ganz bei meinem Vater war, also offenbar sehr stark mit ihm mitgefühlt und ihn gebraucht habe. Wahrscheinlich habe ich unbewusst versucht, für ihn etwas von dem Leid zu tragen, welches er schon nicht tragen konnte von dem Leid, das wiederum seine Mutter schon nicht tragen konnte. Mein Vater in seiner unbewussten Not hat meine Bereitschaft auch genutzt und mich immer wieder als seine Stütze angefragt. Eine so starke Identifikation mit einem anderen Menschen kann verhindern, sich selbst zu spüren und ein Gefühl für das eigene Leben zu entwickeln. Ein Teil des Herzens bleibt dann immer das Kind, das den Vater brauchte und ihm helfen wollte.
 

Die Lösung (bringt das Leben mit sich)

Die Lösung aus einem Leid, einer Verstrickung oder Blockierung ist immer ein ganz individueller Verarbeitungs- und Bewusstwerdungsprozess. Man kann von Familienaufstellung nicht erwarten, dass sie ein Problem mit einem Mal für immer löst. Viele Aspekte spielen in den Loslösungs- oder Lebensentwicklungsprozess nach einer Aufstellung oder auch nach jedweder Form der therapeutischen Intervention mit hinein. Welche Resilienzen gab es in der Familie? Wie ist das individuelle Wesen oder die Seele geprägt? Welche gesellschaftlichen und familiären oder sozialen Bedingungen liegen vor?

Eine Aufstellung ist quasi ein bildgebendes Verfahren, indem sie uns ein Geschehen zeigt, das im Idealfall mit dem geäußerten Anliegen in Verbindung steht. Was wir in der Aufstellung sehen, fühlen, aussprechen und was sich dadurch bewegt, arbeitet in uns und im Familiensystem weiter. Ich sage zu den Aufstellenden in meiner Praxis: „Du musst jetzt nichts tun, die Aufstellung arbeitet für dich.“ Das Einzige, was ich oft empfehle, ist bei dieser absichtslosen Innenschau zu bleiben, wie man sie in der Aufstellung erfährt. Sich also immer wieder zu fragen, wie geht es mir gerade, was fühle ich, was hat dieses oder jenes Erlebnis in mir ausgelöst – und wie geht es mir wirklich? Wie wir dann mit unseren Gefühlen umgehen und welche Schlüsse wir daraus ziehen oder wie lange es dauert, unser Eingebundensein in unsere Familie wirklich zu verstehen oder sich von jemanden zu lösen oder eine fehlende Bindung zu betrauern, das ist von Mensch zu Mensch verschieden.
 

Die Wirkung

Die oben erwähnte Aufstellung hat bei mir beispielsweise einen Prozess in Gang gebracht, mich mehr von meinem Vater zu distanzieren und mich mehr auf mein Leben zu konzentrieren. Also zum Beispiel eine Tätigkeit und Beziehungen zu finden, die besser zu mir passen. Ich bin vom Wesen her zum Beispiel jemand, der bis jetzt sehr lange gebraucht hat, mein kindliches Muster zu erkennen und mich von meinem Vater und alten Loyalitäten zu lösen. Erst nach seinem Tod letztes Jahr habe ich zu einer Kraft zu gefunden, mich in meiner Not wirklich zu sehen. Das bedeutet auch zu erkennen, was ich da eigentlich die ganze Zeit mache, wenn ich in einer Art nervensystemischen Dauernotzustand immer nur danach schaue, was als nächstes getan werden muss (zum Beispiel, damit der Vater bleibt)?

In allen möglichen Lebensbereichen wirken diese erlernten Bindungserhaltungsmuster. Traumatherapie ist, diese Muster oder Prägungen zu erkennen und von einem Gegenüber gesagt zu bekommen, ja, du hattest Recht daran, dies zu tun oder dich durch deine Bewältigungsstrategie zu schützen. Aber du darfst das jetzt lassen, es ist vorbei. Eine Familienaufstellung kann ein guter Impuls für eine im Alltag begleitende Traumatherapie sein. Manche brauchen auch keine Traumatherapie, sie können den Impuls aus der Aufstellung, das Seelenbild, selbst gut verarbeiten. Oft schafft eine Aufstellung einen neuen Freiraum, ein Spalt öffnet sich und neue Erfahrungen mich sich selbst und anderen können ihren Platz in uns finden. Manchmal löst sich eine Not auch wie in Luft auf, ohne dass man aktiv etwas dafür tun muss. Die erleichternde Wirkung ist oft subtil, sie schleicht sich ein und wir merken nach einiger Zeit, dass wir schon länger nicht mehr dieses oder jenes Problem hatten.

 

Was wir nicht in der Hand haben

Ich möchte noch eine Sache in Bezug auf meinen Vater erwähnen, die man als moralisch fragwürdig empfinden könnte: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die wahre Erleichterung erst eintrat, nachdem mein Vater verstorben ist. Erst dann hatte ich die wirkliche Freiheit, also die innere Ruhe, ganz gegenwärtig auf mich zu schauen. Und zwar mit dem Mitgefühl, das ich für mich selbst brauche, um wirklich wachsen zu können. Einfach, weil mein Vater mich nicht mehr adressiert hat.

Eine Kollegin wies mich beim Gegenlesen des Artikels darauf hin, dass man die von mir empfundene Erleichterung nach dem Tod meines Vaters auch anders deuten kann: Mit dem Tod meines Vaters hat sich der Lösungssatz („Von mir aus darfst du gehen.“) aus der zu Beginn erwähnten Aufstellung ja letztendlich vollzogen. Mit dem Satz gab ich meinem Vater quasi das Ok, seinem Seelenweg zu folgen. Die Erleichterung, die ich fühle, ist vielleicht auch die Erleichterung meines Vaters, dass er endlich seinen Weg aus dem Leben gehen konnte. Weil ich ihn losgelassen habe und nicht mehr gehofft habe, dass er mal der starke Vater sein würde, der er nie sein konnte, aber vielleicht aus Liebe für mich sein wollte.

Was am Ende zählt, ist dass Frieden einziehen darf in die Herzen der Lebenden und der Verstorbenen. Wann das geschieht, hat man eben nicht immer in der Hand.

 

Familienaufstellung ist kein Wunder- und kein Allheilmittel…

…aber es kann, wenn es das passende Mittel ist, wirklich Prozesse in Gang bringen, die wir ohne das Gegenüber, die stellvertretende Wahrnehmung durch die Stellvertreter/innen, nicht sehen könnten.

Durch meine langjährigen intensiven Selbsterfahrung habe ich einen spezifischen Erfahrungsschatz gewonnen, den ich in meine Arbeit mit einbringe und mit dem ich gern mit Ihnen oder dir auf Ihr/dein Anliegen schaue und Sie oder dich in deinem Lebensentfaltungsprozess gern begleite.

Wie treffe ich Entscheidungen leichter?

„Ent-scheide das Schwert“ war früher

Es wird angenommen, dass das Wort „entscheiden“ etymologisch der Praxis entstammt, das Schwert aus der Schwertscheide zu ziehen. Zu früheren Zeiten war das Tragen eines Dolches oder Schwertes am Gürtel üblich. Eine Interpretation meint, dass ein aus der Scheide gezogenes Schwert bedeutete, dass jetzt ein Disput geklärt oder eben entschieden werden muss. Heutzutage entscheiden wir zumindest im zivilen Bereich in den meisten Fällen ohne (Androhung von) Gewalt. Doch in manchen Angelegenheiten wird auch in unserer heutigen Gesellschaft entweder mit Gewalt oder mit anderen Strafen gedroht, um eine Entscheidung zu erzwingen. Da müssen wir gar nicht bis in die Ukraine schauen.

Entscheidungen friedlich und im Einklang und zum Wohle aller Beteiligten zu treffen, bleibt für uns Menschen auch im Alltag manchmal ein Herausforderung. Manchmal fühlen wir uns richtig unfähig, eine große Entscheidung zu treffen. Oder wir sind auch bei kleinen Alltagsfragen schnell verunsichert, wie wir uns entscheiden sollen. Warum ist das so?

Bewusste Entscheidungen sind schwieriger

Wir treffen am Tag an die 20.000 Entscheidungen, sagen Neurowissenschaftler:innen. Denn jede noch so kleine Handlung ist auf eine Art eine Entscheidung, die das System Mensch treffen muss. Die meisten davon treffen wir unbewusst und automatisch, wie Handlungen zur Körperhygiene, Versorgung mit Essen und Trinken, Gehen, Fahrradfahren etc. Manchmal fängt es schon bei der Wahl des Essens oder der Tagesgestaltung an, dass wir Probleme bekommen, uns zu entscheiden. Noch schwieriger wird es dann auf der Arbeit oder in Bezug auf uns wichtige Menschen, wenn wir wirklich verantwortungsvolle Entscheidungen treffen müssen.

Wenn wir uns mal genau anschauen, worum es im Kern beim Entscheiden geht, dann könnte man sagen: Es geht darum, mindestens zwei Dinge voneinander zu trennen. Von diesen zwei Dingen folge ich einem, ich gehe ich mit einer Entscheidung oder Wahl – und die andere lassen ich hinter mir, ich trenne mich von ihr. Und genau diese Trennung ist häufig das Problem. Ich muss den Mut aufbringen, eine Sache oder manchmal eben auch einen Menschen zu verlassen, um mich für etwas anderes oder jemanden anderes zu entscheiden und bei der Wahl zu bleiben und Verantwortung dafür zu tragen.

Warum kann ich mich so schwer entscheiden?

Es gibt viele gute Gründe, die uns Entscheidungen erschweren.

  • Zu hohe Ansprüche an uns und an die Entscheidung oder die Übernahme von vermeintlichen Maßstäben/Ansprüchen von anderen wie Familie, Nachbarn etc.
  • Angst vor Fehlern oder Ablehnung: Wir wissen nicht, wie sich die Entscheidung auswirkt und wollen negative Auswirkung vermeiden.
  • Angst vor Verlust, sich nicht trennen können.
  • Angst, etwas zu verpassen, alles haben wollen
  • Zeitdruck oder Abhängigkeit von anderen (manchmal vermeintlichen) Sachzwängen
  • Dilemma = Ausweglosigkeit (wenn alle Entscheidungen schlecht sind)
  • Zu viele Auswahlmöglichkeiten (choice overload)
  • Zu große und schwere Entscheidungen, die über unserem Verantwortungsbereich liegen (zum Beispiel wenn Kinder etwas entscheiden sollen)

Und schließlich gibt es noch die Kategorie der „systemischen Verstrickungen“, die eine Entscheidung beeinflussen können. Eine systemische Verstrickung liegt vor, wenn wir mit einer Person aus unserem Familiensystem bzw. mit ihrem Leid in Verbindung stehen und für sie dieses Leid lösen wollen. Dann sind wir in manchen Bereichen nicht frei in der Entscheidung, als ob wir für die Person mit entscheiden, sie mit einbeziehen in unsere Überlegungen. Das machen wir natürlich unbewusst. Es gibt in der Aufstellungsarbeit beispielsweise immer wieder das Anliegen von Menschen, die viel umziehen und nicht an einem Ort ankommen können, sie sind immer auf der Suche. Manchmal kann dahinter eine Verbindung zu einem Familienangehörigen stehen, der im Krieg flüchten und alles hinter sich lassen musste und darunter sehr gelitten hat.

Verallgemeinert für alle Zustände könnte man sagen, dass unser Geist hier beim Entscheiden getrübt ist. In der Lehre des QiGong gibt es das Sprichwort: „Das Herz ist der Kaiser und herrscht über die Wandlungen des Geistes.“ Alle Bewegungen des Geistes wie Überlegen und Entscheiden sollten also im Einklang mit dem Herzen sein. Und wenn das Herz verwirrt oder verschlossen ist, kann es den Geist nicht gut „beherrschen“. Stimmt das?

Das Herz entscheidet

In der westlichen Wissenschaft ist angeblich schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts bekannt, dass das Herz ein mindestens ebenso wichtiges Nervenzentrum ist wie das Gehirn (und der Darm). Herzwissenschaftler:innen vom HeartMath Instiute behaupten sogar, dass vom Herzen aus über Nervenbahnen mehr Signale in Richtung Gehirn geschickt werden als umgekehrt. Dabei sei die Qualität der Signale, die das Herz aussendet, entscheidend für die Qualität kognitiver Prozesse. Wenn wir also Angst haben oder Stress empfinden, sind die Gehirnaktivitäten in ihrer Qualität beeinträchtigt. Es wurde gemessen, dass der ganze Körper in einen insgesamt harmonischeren Zustand wechselt, wenn wir eine positive Emotion aufrufen und diese im Herzen fühlen können. Die so genannte Herzfrequenzkohärenz ist dann größer. Nicht nur das das Herzfrequenz-Training vom HeartMath Institute, sondern auch Yoga, QiGong, bestimmte Meditationen und Atemtechniken lehren uns, positive Emotionen zu spüren und damit die Herzfrequenz zu harmonisieren. Dieses Wissen scheint also so einfach wie alt zu sein. Probieren Sie es aus!

Wenn das Herz Unterstützung braucht

Manchmal kommen wir jedoch auch mit Übungen, die wir selbst machen können, nicht weiter. Besonders wenn systemische Verstrickungen vorliegen, ist es schwer, sich daraus allein zu lösen. Hier kann eine Familienaufstellung helfen, Ihnen Klarheit zu verschaffen. Auch hier kommen wir aus dem reinen Überlegen im Kopf raus in einen mehrdimensionalen Spürprozess. Das Geschehen, das mit unserer Entscheidungsunfähigkeit zu tun hab, löst sich von uns ab und zeigt sich durch die Bewegungen der Stellvertreter:innen.

Ein fiktives Beispiel: Eine Klientin kann sich nicht entscheiden, den nächsten Schritt in ihrer beruflichen Entwicklung zu gehen und leidet sehr darunter. Sie müsste dafür den alten sicheren Job aufgeben, aber sie klebt darin wie fest. In der Aufstellung zeigt sich, dass sie gar nicht auf das Neue und ihr eigentliches Ziel schauen kann, dass sie mit der Aufmerksamkeit ganz woanders ist. Ihre ganze Aufmerksamkeit ist bei ihrer Mutter, die sich selbst auch nie verwirklicht hat, weil sie mit ihrem Schmerz beschäftigt war. Für die Klientin wäre nun der Prozess, ihre Mutter in ihrem Schmerz zu sehen und zu achten, und dann den Schmerz bei der Mutter zu lassen und sich zu erlauben, über die Mutter hinaus zu wachsen und in ihr eigenes Leben zu gehen. Nun kann sie auch auf das beruflich Neue mit Kraft und Freude schauen und sich dem annehmen.

Workshop „Entscheidungen treffen leichter gemacht“

Für Frauen biete ich im Bildungs- und Beratungszentrum Raupe und Schmetterling – Frauen in der Lebensmitte e.V. drei Mal pro Jahr einen Workshop zum Thema „Entscheidungen treffen leichter gemacht“ an. In dem Workshop erläutere ich zum einen die Hintergründe des Entscheidens und der Schwierigkeiten. Zum anderen kommen die Teilnehmerinnen in Aufstellungsübungen zu zweit oder zu dritt sowie in Achtsamkeitsübungen ihrem Herzen näher, aber auch ihrer Entscheidungsfrage und dem Hindernis. Darüber hinaus können Teilnehmerinnen ihr ganz konkretes Anliegen zur Aufstellung bringen, die ich im klassischen Gruppenformat leite.

Workshop

Systemische Aufstellungen bei der Entscheidungsfindung

In meiner Beratungspraxis können Sie eine Frage, die mir einer Entscheidungsfindung zu tun hat, im Einzelsetting oder im Gruppenformat mit einer systemischen Aufstellung betrachten. Eine Einzelsitzung hat den Vorteil, dass Sie die Perspektiven der anderen Menschen, die zu Ihrem Anliegen gehören, selbst erfahren können. Denn hier arbeiten wir mit Bodenankern, also mit Positionszetteln auf dem Boden, und spüren uns auf den Positionen selbst ein. Die Gruppenaufstellung hat den Vorteil, dass Sie das Geschehen dynamisch miterleben. Die Stellvertreter:innen für die Familienangehörigen bewegen sich entsprechend der Impulse, die sie auf ihren Positionen spüren. Mehr zu den Vorteilen erfahren Sie in meinen Angeboten unter Familienaufstellung.

Entscheiden Sie sich für eine Familienaufstellung, wenn Sie zu schwer an einer Entscheidung zu tragen haben.

Einzelsitzung

Gruppensitzung

Workshops mit Familienaufstellung

Familienaufstellung findet klassischerweise an einem oder mehreren Tagen am Wochenende und in einer Gruppe statt. Bekanntheit erlangt und bewährt hat sich als Format auch das Einzelsetting. Ich biete nun auch Workshops zu verschiedenen Lebensthemen mit Aufstellungen an.

Übungen zur Selbstwahrnehmung

Im ersten Teil der Workshops üben wir gemeinsam das Ankommen und Gewahrsein im Hier und Jetzt. Verschiedene Übungen im Gehen, Stehen und Sitzen sollen uns dabei helfen, im Raum, in unserem Körper, in unserem Herz und in unserem Geist anzukommen und präsent zu sein. Dies ist eine gute Voraussetzung, um in den Aufstellungen gut ins Spüren zu kommen. Es geht ja in der Aufstellung immer darum, Gefühle, Bewegungsimpulse und sonstige Empfindungen und Gedanken wahrzunehmen, die sich auf der eigenen oder der Stellvertreter-Position einstellen.

Übungen zur Selbsterfahrung

Es folgen dann in der Regel Aufstellungsübungen zu zweit oder zu dritt. Die Übungspartner/innen stellen sich dann sozusagen gegenseitig auf und sind beide in der Aufstellung. In den Übungen stellt man für gewöhnlich sich selbst und die Frage oder den Kern-Aspekt eines Themas auf. Also zum Beispiel „Ich und meine Mutter“ oder „Ich und meine Seele“ oder „Ich und meine Gesundheit“ oder „Ich und mein/e Traumpartner/in“ usw. Im ersten Übungsteil stellen Sie Ihre Übungspartnerin als Ihre Mutter, Seele, Gesundheit oder Traumpartner/in auf und dann sich selbst dazu. Die Aufstellung läuft dann ein paar Minuten und darf sich entfalten. Nach einer bestimmten Zeit rufe ich dann zum Wechsel auf und Sie tauschen die Rollen. Dann stellt Ihre Übungspartnerin Sie als deren Mutter, Seele, Gesundheit, Traumpartner/in sowie sich selbst auf. Und wieder läuft die Aufstellung im Kleinen. Am Ende tauschen sich beide über Ihre Erfahrungen aus. Das macht super viel Spaß und kann genauso viel Erkenntnis und Bewegung in die Sache bringen, wie jedes andere Aufstellungsformat auch. Vornehmlich dienen die Übungen in der Kleingruppe jedoch dem Erkenntnisgewinn, da es für die Heilung und Veränderung doch die geschulte Begleitung durch die Aufstellungsleitung braucht.

Geleitete Aufstellungen

In den Workshops, die ich anbiete, wird es deshalb auch immer Raum für ganz normal Aufstellungen in der Gruppe geben, die ich leite. Sie können also auch Ihr Anliegen wie an einem normalen Wochenend-Seminar mitbringen. Die anderen Workshopteilnehmer/innnen stehen dann als Stellvertreter/innen zur Verfügung. Was in Gruppenaufstellungen so passiert, erfahren Sie auf hier oder hier.

Spaß in der Gruppe mit Erkenntnisgewinn zum günstigen Preis

Das Workshop-Format hat den schönen Vorteil, dass die Gruppe sich selbst ein bisschen besser kennenlernt und miteinander in Aktion tritt. In den Übungen kommen Sie sich mitunter recht nah und erfahren ganz Persönliches von ihrer/m Übungspartner/in. Da es im Austausch geschieht, zeigen und bekommen alle gleich viel. Es ist ein gleichberechtigtes Geben und Nehmen.
Für Teilnehmer/innen, die keine von mir geleitete Aufstellung machen wollen, bekommen zum Preis von 80 EUR die Gelegenheit, die Aufstellungsarbeit kennenzulernen sowie ein ihnen wichtiges Thema anzuschauen und bereits erste Erkenntnisse darüber zu gewinnen. Für Teilnehmer/innen, die eine „große“ Aufstellung machen, kostet die Teilnahme 150 EUR, als genauso viel wie eine Aufstellung an einem gewöhnlichen Gruppenseminar. Zusätzlich gibt es bei den Workshops noch einen Rabatt von 20% auf alle Preise, wenn Sie zu zweit kommen.

Mit einem Workshop können Sie sich einen Tag lang einem Thema widmen und haben den Austausch in einer netten Gruppe. Mit kleinen Übungen näher Sie sich dem Familienstellen und erfahren es selbst. Das istSelbsterfahrung, die Spaß macht und weiter bringt!

Workshopangebote

Aktualisiert am 4.3.2022

Von der Bedeutsamkeit eines Atemzugs

In den vergangenen zwei Beiträgen habe ich beschrieben, wie gut und wichtig es für uns Menschen ist, in die (äußerliche) Ruhe zu kommen und unseren Gefühlen Raum zu geben. Wie findet man nun in stressigen Zeiten die innere Ruhe, aus der man so viel Kraft schöpfen kann? Ich selbst kenne es auch, in Phasen sehr gestresst zu sein. Um die innere Ruhe zu finden, habe ich selbst nicht nur für mich Familienaufstellungen gemacht, sondern habe gerade an einem Kurs in MBSR teilgenommen, wo man das Achtsam-sein und das Meditieren ganz strukturiert lernt. Beides zusammen hat mir sehr geholfen, ruhiger zu werden und einen besseren Umgang mit stressigen Situationen zu finden.

Was ist MBSR?

MBSR ist die Abkürzung für Mindful Based Stress Reduction, auf Deutsch Achtsamkeitsbasierte Stressreduzierung. Dahinter verbirgt sich ein achtwöchiger Kurs mit Übungen für den Atem und Körper mit dem Ziel, das ganze Leben achtsamer und bewusster zu leben. Also nicht nur „achtsam im Alltag“, sondern achtsam in jeder Lebenslage, bei allem, was wir tun und nicht tun. Das Kurs-Programm wurde von Jon Kabat-Zinn und Kolleg/innen entwickelt und hat immer den gleichen Ablauf. Ursprünglich wurde es in Kliniken für Patient/innen mit physischen und psychischen Beschwerden eingesetzt. Mittlerweile bieten viele Lehrer/innen das achtwöchige Programm mit immer gleichem Ablauf in freier Praxis an. Der einzige Unterschied ist, dass die Kursteilnehmer/innen in den Kliniken krank geschrieben waren während der acht Wochen. Für berufstätige Menschen zu Hause ist es eine besondere, aber durchaus lohnenswerte Herausforderung, diesen achtwöchigen Kurs in ihren Alltag einzubauen.

Warum lohnt sich MBSR?

Das MBSR-Konzept lehrt die Seinsweise der Achtsamkeit. Es orientiert sich an dem unveränderlichen Kern der buddhistischen Achtsamkeitslehre und wurde für westliche Verhältnisse wissenschaftlich entwickelt. Die Wirksamkeit der Stressreduzierung ist ebenso anhand wissenschaftlicher Studien belegt. Da der Kurs sehr strukturiert und in kleinen Schritten aufgebaut ist, ermöglicht er meiner Auffassung nach auch Anfänger/innen, sich einen Zugang zu einer eigenständigen Achtsamkeitspraxis zu erarbeiten. Aber auch für Mensch mit Meditationserfahrung kann die Teilnahme lohnenswert sein, um die eigene Praxis aufzufrischen und vor allem den Bezug in den Alltag wiederherzustellen.

Während der Arbeit kommt das Vergnügen

Der Kurs ist tatsächlich erst mal ein Stück Arbeit. Vielen Teilnehmer/innen kommt es bestimmt so vor, als würde man gegen den Strom schwimmen müssen: gegen eigene Gewohnheiten, gegen die Stille, in der man sich selbst und unbekannten Seiten begegnet, und gegen die unzähligen zeitlichen Hindernisse. Im Kurs kann man genau das Gegenteil lernen, nämlich mit dem Strom zu schwimmen und die ganzen Schwierigkeiten da sein zu lassen, ohne sie weg haben zu wollen. Man lernt in dem Kurs, dass es nicht darum geht, in einen harmonischen entspannten Zustand zu gelangen, sondern die Anspannung, Verspannung wahrzunehmen und da sein lassen zu dürfen. Auf diese Weise können wir viel Kraft sparen. Kraft, die dafür verwendet wird, unangenehme Empfindungen weg zu drücken. Diese Erfahrung kann man schon während des Kurses machen.

Der eine Atemzug, in dem alles enthalten ist

Im Zentrum steht immer wieder der eine Atemzug jetzt, und jetzt, und jetzt. Allein sich diesen bewusst zu machen, auf ihn zu achten, das ist eigentlich schon das ganze Geheimnis. Die Bewegungen des Lebens kommen und gehen wie Wellen. Anspannung und Entspannung, Einatmen und Ausatmen, das ist der ganze Rhythmus. Darin liegt die Erkenntnis, dass das Leben und alles, was es mit sich bringt, kommt und geht. Diesen Rhythmus verliert man in der materialisierten Welt. Genau deswegen ist die Achtsamkeit wie ein hartes Training in Geist-Sport für viele von uns. Aber es lohnt sich. MBSR kann Menschen darin unterstützen, sich selbst besser kennenzulernen und sich und sein Leiden mit Freundlichkeit anzunehmen. Das wirkt sich natürlich auch positiv auf Beziehungen zu anderen Menschen aus. Und schließlich wird das Leben und die Welt doch harmonischer und entspannter.

Wo kann ich einen MBSR-Kurs machen?

Auf der Internetseite des MBSR-MBCT-Verbands finden Sie Adressen zu zertifizierten Kursleiter/innen. Die Krankenkassen erstatten teilweise MBSR als Präventionskurs. Vor Ort in Berlin-Neukölln kann ich die Heilpraktikerin und erfahrene Meditationslehrerin Anne Wanitschek (Link) empfehlen, die MBSR online und als Präsenzkurs anbietet. Die Kosten für einen Kurs liegen zwischen 300 und 390 Euro, was für das Angebot und die nachhaltige Wirkung nicht teuer ist. Für Mensch, Natur und Gesellschaft würde es sich meiner Meinung nach lohnen, wenn dieser Kurs an Schulen, Berufs- und Volkshochschulen und Universitäten oder von Unternehmen kostenlos angeboten wird.

Familienaufstellung und MBSR

Wer einen MBSR-Kurs macht, wird mit einiger Wahrscheinlichkeit mit unangenehmen Gefühlen oder Glaubenssätzen konfrontiert. Man kann sich sozusagen freuen, wenn das geschieht, denn es meldet sich möglicherweise ein noch ungesehenes Gefühl. Hier kann es durchaus sinnvoll sein, sich durch Therapie und Beratung Unterstützung zu holen. Mit einer Familienaufstellung ist es möglich, sich ganz bestimmte belastende Gefühle und Glaubenssätze, die sich wiederholend zeigen, anzuschauen. Wie in der Achtsamkeitspraxis so „verschwinden“ auch Gefühle oder Glaubenssätze nicht für immer nach einer Aufstellung. Aber der Umgang damit wird bewusster und leichter, sie machen uns nicht mehr handlungsunfähig. Mit einer Achtsamkeitspraxis unterstützen Sie sich in jedem Fall immer bei dem bewussten und verantwortungsvollen Umgang mit Ihren Gefühlen und Glaubenssätzen.

Machen Sie sich auf den Weg. Endecken Sie die Bedeutsamkeit eine Atemzugs, in dem alles schon da ist, was Sie brauchen. Hier und jetzt.

Und wenn Sie Unterstützung bei der Bewältigung schwieriger Gefühle oder hartnäckiger Glaubenssätze brauchen, kontaktieren Sie mich gern. Ich begleite Sie einfühlsam und professionell mit einer systemischen Aufstellung.

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Aktualisiert am 18.10.2021