Zeit für Gefühle

Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer es sein kann, Gefühle bewusst zu fühlen. Viele kennen überwiegend zwei Zustände in Bezug auf Gefühle: Entweder wir fühlen wenig bis nichts oder wir werden von einem Gefühl überflutet. Alles in allem reden wir häufig mehr über Gefühle als sie zu fühlen. Aber was heißt es eigentlich, ein „Gefühl zu fühlen“?

Wie zeigen sich Gefühle?

Gefühle empfinden wir vor allem im Körper: Aufregung oder Weite in der Brust, Druck, Wärme oder Kribbeln im Magen, Enge im Hals, Schwere, Schwäche oder Kraft in den Gliedern. Und dann ist da noch diese seelische oder geistige Gefühlsempfindung, die sich eben irgendwie „anfühlt“, als ob es einen immateriellen Gefühlskörper im Kopf gäbe. In den meisten Situationen haben oder erleben wir Gefühle oder zumindest empfinden wir etwas. Je stärker das Geschehen in einer Situation ist, desto stärker ist auch die Gefühlsreaktion.

Welche Funktion haben Gefühle, warum sind sie da?

Gefühle werden als eine Konstante in der Evolution des Menschen gesehen, die unser Überleben sichert. Über Gefühle regulieren wir unseren eigenen Organismus hinsichtlich erlebter Situationen. Angst bei Gefahr führt zu Flucht oder Erstarren ist ein klassisches Beispiel für eine Emotion. Gefühle verbinden uns außerdem mit anderen Lebewesen: Wir kommunizieren darüber, wie es uns geht und wie es uns mit der/dem anderen geht. Gefühle ketten uns quasi aneinander, wir haben sie – ob wir wollen oder nicht. Vielleicht kann man sie als den Kitt im (Familien-)System betrachten.
In der Kritischen Psychologie wird besonders die „handlungs- und erkenntnisleitende Funktion“ der Gefühle herausgestellt. Dem ist vorausgesetzt, dass es kein Entweder-oder von Gefühlen (Emotionalität) vs. Gedanken ( Vernunft) gibt, sondern dass Fühlen und Denken Hand in Hand zu Erkenntnis und Handeln führen.

Was genau passiert, wenn wir ein Gefühl haben?

Die Wissenschaft unterscheidet zwischen verschiedenen Begriffen in Bezug auf Gefühle und definiert diese auch unterschiedlich:

  • kurzzeitige Affekte oder Emotionen: Aufregung, Schreck
  • überwiegend im Körper empfundene Empfindungen: Enge, Druck, Unruhe, Weite, Wärme, Kribbeln etc.
  • Gefühle als „subjektive Wahrnehmung einer Emotion“¹: Angst, Traurigkeit, Wut, Ekel, Lust etc.
  • Stimmungen als länger andauernde Gefühle
  • Metagefühle: Frieden, Liebe, Stille, Sicherheit etc.

Es handelt sich bei Gefühlen um komplexe Prozesse, in denen verschiedene Nervensysteme, Hormone, Neurotransmitter, Muskeln usw. interagieren. Wenn man sich diese Prozesse mal etwas genauer anschaut, ist leicht nachvollziehbar, dass Gefühle vom Organismus körperlich, geistig und seelisch wirklich „verarbeitet“ werden müssen und es dafür Zeit braucht. Ein Ausdruck, der ja mittlerweile schon in unserer Alltagssprache angekommen ist: Wir müssen ein Ereignis erst mal „verarbeiten“. Aber tun wir dies auch angemessen?

Umgang mit Gefühlen in Gesellschaft und Familie

Für die meisten von uns ist es eine große Herausforderung, unangenehme oder schmerzvolle Gefühle wie Trauer, Schuld, Scham, Angst, Einsamkeit und Wut zu fühlen. Warum fällt es uns oft schwer, Gefühle situationsgemäß in ausreichendem Maße zu verarbeiten? Ein Grund wird sein, dass es immer näher liegt, Unangenehmes zu vermeiden. Wenn wir an die handlungsleitende Funktion von Gefühlen denken, dann hätten manche unangenehme Gefühle (die uns anzeigen, dass in der Begegnung mit einem Menschen oder in einer bestimmten Situation etwas nicht stimmt), theoretisch die Folge, dass wir das zum Ausdruck bringen und uns mit einem Gegenüber auseinandersetzen müssten.

Ute Osterkamp beschreibt, wie gesellschaftliche Verhältnisse den Umgang mit Gefühlen geprägt haben². Sie zeigt auf, dass die Unterdrückung von Gefühlen den Zweck haben kann, die herrschenden Machtverhältnisse in Gesellschaften zu stabilisieren. Zum Beispiel indem Gefühle fühlen und zeigen als schwach und irrational verunglimpft wurde. Das wirkt sich natürlich auch darauf aus, wie in Familiensystemen mit Gefühlen umgegangen wird. Und dann ist da natürlich auch der Alltag einer Lebensweise, die maßgeblich von Arbeit geprägt ist und keine Zeit für Leerlauf und Muße zum Fühlen vorsieht.

So gesehen erscheint es als ein Wagnis, Gefühle zu zeigen, die mit dem Bestehenden nicht einverstanden sind. Gefühle wie Ärger, Wut, Trauer, Scham als Anzeichen für Missstände in (partnerschaftlichen, familiären oder gesellschaftlichen) Beziehungen stellen die bestehende Ordnung in Frage. Würden wir sie frei ausleben, kann das eine starke Wirkung haben. Auch ein positives Gefühl von Glück kann konfrontativ wirken. Zum Beispiel wenn ich anzeige, dass es mir besser geht, wenn ich die bestehende Ordnung verlasse und meinen eigenen Weg gehe.

Trauma

Wenn ein Erlebnis für einen Menschen sehr stark als Gefahr der eigenen Unversehrtheit erlebt wird und es keine Handlungsoptionen gibt, sich daraus zu befreien, dann sprechen wir von einer Traumatisierung. Traumatisierungen können im Kindesalter geschehen, wo entsprechende Möglichkeiten zur Verarbeitung noch nicht zur Verfügung und wir in starker Abhängigkeit zu Eltern und anderen Erwachsenen stehen. Aber auch im Erwachsenenalter wirken Situationen, in denen es keinen nahe liegenden absehbaren Ausweg gibt wie unerwartete heftige Gewalt (Überfall, Krieg, Vergewaltigung) oder strukturelle Gewalt (durch Gesetze u.ä.), traumatisierend. Eine Traumatisierung ist unterschiedlich stark ausgeprägt, je nachdem wie stark die körperliche und seelische Unversehrtheit verletzt und individuell erlebt wird.

Gefühle bringen uns im Leben weiter, weiter als du denkst

Gefühle und körperliche Empfindungen sind vielleicht als ein Katalysator zu verstehen, der uns dabei unterstützt, dass wir für uns sorgen und uns weiterentwickeln. Auf unsere primären situationsgemäßen Gefühle zu achten und diese Gefühle als etwas kostbares zu achten, sollte ein jeder Mensch von klein auf lernen. Später müssen sich Erwachsene sonst mit sog. Sekundärgefühlen auseinandersetzen. Das sind oft verwirrende und dramatische Gefühle die als Folge entstehen, wenn man seine primären Gefühle nicht ausleben durfte oder konnte.

(Nach-)Fühlen ist wie Nachdenken, Essen, Schlafen, Arbeiten, Kochen ein Zustand, in dem wir beschäftigt und fokussiert sind. Der Unterschied ist, dass wir eher mit uns und unserem Inneren beschäftigt sind. Wir brauchen deshalb Zeit, in der sich Gefühle in Ruhe entfalten können. In diesem Sinne rufe ich in meinem vorhergehenden Beitrag dazu auf, öfter mal nichts zu tun und sich Zeit für sein Innerstes und seine Gefühle zu nehmen. Wer merkt, dass er nicht gut an seine Gefühle „rankommt“, für den gibt es mittlerweile eine Vielzahl an Selbsterfahrungs- und Therapiemethoden, die beim Erlernen des Fühlens unterstützen.

Auch Familienaufstellung kann ein Weg sein, seine Gefühle besser kennenzulernen oder einzuordnen, wenn sie einen überfluten. Ich lade Sie herzlich ein, mit einer Familienaufstellung und meiner empathischen Begleitung die eine oder andere Tür zu öffnen und zu schauen, welches Gefühl da noch eingeschlossen auf die Begegnung mit Ihnen wartet.

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Aktualisiert: 3.3.2022

¹ Knuf, Andreas: Ruhe, ihr Quälgeister. Wie wir den Kampf gegen unsere Gefühle beenden können. München Arkana 2013. 22ff
² Osterkamp, Ute: Gefühle, Emotionen. In; Haug, Wolfgang Fritz (Hrsg.): Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus. Band 4. Hamburg: Argument 1999, 1329ff

Leerlauf – im Alltag zur Ruhe kommen

Der Leerlauf ist für mich das Motto dieser Tage, es passt gut zu den Sommerferien und zu vergangenen Lock-Down-Zeiten. Im Leerlauf stehen die Räder still und wir können spüren, wo und wer wir überhaupt sind. Wer zu sich selbst und seine Bestimmung finden möchte, wer sich an den eigenen Bedürfnissen und Befindlichkeiten orientieren möchte, muss ab und an zur Ruhe kommen, in die Stille gehen, sonst hört man die eigene Stimme nicht so gut.

Der schnelle Takt des Alltags

Im letzten Jahr sind für viele Menschen außergewöhnliche Dinge geschehen, die meisten hat das Geschehen emotional sehr beschäftigt. Für Menschen, die im Gesundheits- und Versorgungssystem beschäftigt sind, oder für berufstätige Eltern mit Kindern war es zum ohnehin schon stressigen Alltag eine besonders herausfordernde Zeit – kaum Zeit zum Aufatmen. Andere hingegen hatten im Lock-Down sehr viel Leerlauf und haben sich mit dieser und jener neuen Beschäftigung abgelenkt.
Aber auch ohne Corona ist das Leben vieler Menschen so strukturiert, dass wir viel Zeit mit Lohnarbeit, Hausarbeit, Kinderbetreuung und einem ebenso anspruchsvollen Freizeitprogramm verbringen. Für alle Tätigkeiten erhalten wir auch noch unzählige Konsumangebote aus Medien, Internet und Handy, die uns permanent beeinflussen. Zeit für eine Reflexion, was uns ein regelmäßiger und gepflegter Leerlauf bringen kann.

Im Bereitschaftsbetrieb

Leerlauf ist eigentlich ein Begriff aus der Elektrotechnik und besagt, dass der Strom aus der Stromquelle noch fließt, aber es ist kein Gerät oder keine Maschine angeschlossen, die den Strom in eine spezifische Arbeit umsetzt. Der Begriff passt gut für den Zustand, den ich hier für uns Menschen beschreiben möchte: Wir stehen unter Strom, nach einem vollen Tag oder nach einer anstrengenden Tätigkeit oder einem Streit, setzen uns hin und tun – nichts. Leerlauf könnte man also als Nichts-Tun bezeichnen. In diesem Zustand „machen“ wir auch keine Meditation oder Entspannungstechnik, denn das ist schon wieder ein Vorhaben mit bestimmten Vorgaben. Das Sitzen und Nichts-tun ist umgangssprachlich ein bisschen negativ konnotiert als „Wand anstarren“, als sei die Zeit zu kostbar, um sie mit Nichts-tun zu vergeuden.

„Ich möchte einfach nur hier sitzen.“

Für den Leerlauf sitzt man am besten in einem vertrauten Raum, also zu Hause oder auch auf dem Arbeitsplatz, wenn man da irgendwo Ruhe hat. Günstig ist es natürlich, wenn man allein ist, aber es ist nicht so streng wie bei einer Entspannungsübung. Es können auch andere Menschen im Raum sein.

Richten Sie sich am besten jeden Tag oder so oft eben möglich eine Zeit ein, in der Sie nichts tun, also keine Handlung mit Händen, Füßen oder anderen Körperteilen verrichten und „einfach nur hier sitzen“ (Loriot). Ansonsten ist alles erlaubt in dieser Zeit: Augen auf, Augen zu, sich im Sitzen bewegen, Gedanken denken, Gefühlen nachgehen, Körperempfindungen nachspüren, auch einen Schluck trinken. Es geht darum, dem Raum zu geben, was uns in diesem Moment bewegt. Im Gegensatz zur Meditation dürfen Sie sich Gedanken und Gefühle ganz hingeben. Also nicht nur wahrnehmen, was ist, sondern auch zu 100% sein dürfen, was ist. Es kann aber auch sein, dann nach dem Sturm des Tages plötzlich gar nichts mehr bei Ihnen los ist, also kein Fühlen, wenig Denken, vielleicht sogar etwas Taubheit. Dann ist auch das ok. Möglicherweise kommt sogar schnell Langeweile auf. Dann ist es sinnvoll, bei der vorgenommenen Zeit zu bleiben und vielleicht mal ein bisschen durchzuatmen oder in den Körper reinzuspüren und die Langeweile zu erleben.

Was du anschaust, fühlt sich gesehen – und kann gehen

Optimal für den Leerlauf sind mindestens 15 Minuten. Je länger man da sitzt und nichts tut und nur spürt, was sich gerade im Innern bewegt, desto größer ist die Chance, dass sich die Gefühle und Gedanken zeigen, die zum aktuellen Geschehen im Leben gehören und gesehen werden wollen. Wenn man eine Stunde Zeit hat und es regelmäßig praktiziert, kann es sogar passieren, dass man leer läuft an Gedanken und Gefühlen. Man hat alles Wichtige mal durchdacht und durchspürt und ist dann vielleicht aufgeräumter. Ein Freund von mir fuhr gern allein zwei Monate in den Urlaub und und hatte am Ende alle Gedanken und Probleme, die ihn beschäftigt haben, „fertig gedacht“. Ich selbst habe von einer Psychologin mal die Aufgabe bekommen, mich nach einer komplizierten Trennung über einen Monat jeden Tag eine Stunde lang hinzusetzen und nichts zu tun, um die Gefühle zu fühlen, die damit verbunden waren. Manchmal saß ich da und habe mich sehr gelangweilt. Am Ende liefen doch die Tränen.

„Ich muss mal in Ruhe über alles nachfühlen.“

Der Leerlauf ist im Grunde eine gute Vorbereitung für eine Familienaufstellung. Und auch für eine Meditation im übrigen. Bei Menschen, deren Leben stark getaktet ist, sehe ich den Leerlauf als eine Art Vorraum oder Vorstufe zu Meditation oder bewusster Achtsamkeitsübung. Wir üben uns in der Ruhe und darin, langsamer zu werden für einen Moment. Dies schafft Raum für Gedanken und Gefühle, die uns beschäftigen. Dieser Raum ist oft ausschließlich ausgefüllt mit Terminen, Treffen und Tätigkeiten. Dabei brauchen wir nicht nur die Zeit, „über alles in Ruhe nachzudenken“ – wir brauchen auch die Zeit, in Ruhe über alles nachzufühlen oder nachzuspüren. Über die besondere Bedeutung der Gefühle werde ich im nächsten Beitrag berichten.

Wenn es Ihnen schwer fällt, trotz Ruheinseln und Nichts-Tun zur Ruhe zu kommen, kann die Ursache ein Getriebensein, ein traumatischer Stress oder eine Vermeidungsstrategie sein. In diesen Fällen könnte Ihnen eine systemische Aufstellung helfen, um zu schauen, woher diese Unruhe kommt. Melden Sie sich, wenn Sie einfach nicht zur Ruhe kommen, ich unterstütze Sie gern.

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Aktualisiert am 02.03.2021

Am Ende wird nicht alles gut – eine heilsame Wahrheit

Wenn etwas nicht gut zu Ende gegangen ist…

Kennen Sie das, jemand sagt „Alles wird gut“ zu Ihnen, aber im Herzen wissen Sie, dass das nicht wahr ist? Wir wollen getröstet werden und dadurch schneller wieder in positive Gefühle und Gedanken kommen. Die Realität jedoch ist, dass manchmal etwas zu Ende und nicht gut ausgegangen ist. Menschen sterben zu früh und man hat die Liebe zueinander nicht leben können. Eine Kindheit ist zu Ende und man konnte seinen Eltern nie wirklich nah sein. Partnerschaften enden in Zerwürfnis und Streit. Warum versprechen wir uns Trost von dem Satz „Alles wird gut“? Manchmal kann etwas nicht mehr gut (gemacht) werden. Diese Wahrheit zu achten, kann mehr Erleichterung und Befreiung bringen als ein schwacher Trost.

… gibt es in einer Aufstellung oft Versöhnung

In einer Aufstellung gibt es grob gesagt zwei Varianten, wie sie ausgehen kann: Glücklicherweise dürfen recht viele die Erfahrung machen, dass sich Familienangehörige oder andere aufgestellte Personen, auch bereits verstorbene, aufeinander zu bewegen. Eine im Kindbett verstorbene Mutter kann ausdrücken, dass sie mit Liebe auf ihre Tochter schaut und ihr ihren ganzen Segen für ein glückliches Leben gibt. Ein Vater, der sein ganzes Leben mit sich beschäftigt war und der selbst keine Beziehung zu seinem Vater hatte, kann seinen Sohn umarmen und ihm sagen, dass es ihm Leid tut. Eine Ex-Frau sieht die Verantwortung am Scheitern der Beziehung und kann das Gute anerkennen. In all diesen Beispielen wurden Herzen und Seelen der Menschen berührt. Denn das, was nicht gut war, wurde von beiden Seiten angesehen, betrauert oder anerkannt. Für einen Moment vergewissert man sich der Liebe, die einen verbindet. Für diesen Moment ist alles gut und die Geschichte wurde ein Stück weit neu geschrieben.

… aber manchmal „nur“ die Wahrheit

In der anderen Variante einer Aufstellung können wir diese lösenden Bewegungen nicht sehen. Die Menschen, zu denen uns eine Verbindung fehlt oder für die wir zu viel getragen haben, zeigen keine Regung, bewegen sich nicht vom Fleck, schauen oder gehen gar weg. Für viele, die in ihrer Aufstellung so etwas sehen und sich Versöhnung oder Anerkennung ihres Leids wünschen, ist das schmerzhaft. Die Lösung findet nicht zwischen den Menschen statt. In diesen Aufstellungen liegt die Lösung in einem ganz wichtigen Schritt: Wir lassen den Widerstand gegen den Schmerz, dass es nicht gut war und auch nie wird, los. Wir schauen mutig auf das Verlorene und sehen die Situation so, wie sie war. Wir können aber in der Aufstellung sehen, dass die eigene Mutter, die uns immer ungerecht behandelt hat, eine ebenso fehlende Beziehung zu ihrer eigenen Mutter hatte. Oder dass der eigene Vater, der immer abwesend war, mit der Seele und seinem Herzen bei seinem Vater ist, wie ein Kind. Das zu sehen, wirkt sich bei vielen Menschen erleichternd und tröstend aus. Dennoch: Wir trauern mit uns allein, unser Schmerz bleibt. Und wir dürfen sagen: „Es war nicht gut.“ Wir achten unser Schicksal und das der anderen, denn es ist ja geschehen.

Vom Glück in jeder Lebenslage

Bert Hellinger sprach davon, dass wir mit unserem Schicksal in Einklang kommen müssen, um das Glück im Leben zu finden. Er meint damit, dass es sich leichter lebt, wenn man anerkennt, was war und ist, denn man kann es ein großes Stück weit nicht ändern.¹ Heute wird ja viel über Resilienz gesprochen – ich denke, dass Menschen, die als resilient eingestuft werden, genau das tun: Sie achten und akzeptieren, dass sie in einer anstrengenden, manchmal ausweglosen und schrecklichen Situation sind, aber sie hadern nicht damit. Sondern schauen, wie sich sich dennoch über Wasser halten und für sich (und andere) sorgen können. Darin liegt letzten Endes die größte Freiheit, dass man für sich die Verantwortung übernehmen kann.

Wenn man den Schmerz für sich allein trägt, so gut es eben geht, eröffnet dies die Möglichkeit, sich aus dem Hadern mit dem eigenen Leben, aus Vorwürfen und Anklagen zu lösen und den eigenen Weg weiter zu gehen. Darin kann Sie eine Familienaufstellung unterstützen.

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¹ Weil Hellinger das früher so gemacht hat: Man muss niemanden um Verzeihung bitten oder sich vor jemandem verneigen, der nicht gut zu einem war. Man kann sich bewusst und klar von diesen Menschen trennen und die Verantwortung für ihr Handeln bei ihnen lassen. Gleichzeitig können wir achten, dass auch Menschen, unter denen wir gelitten haben, eingebunden sind in Familienschicksale und systemische Dynamiken.

Wie wir Geschichte neu schreiben

Wir werden als Menschen in Familien geboren

Was ist eine Familie? Eine Familie sind der Mann und die Frau, die es braucht, damit ein Kind entsteht¹. Jede:r der Eltern des Mannes und der Frau, hat ebenso Eltern, die auch wieder Eltern haben usw. usf. In der Biologie meint der Begriff Familie eine bestimmte Ebene der „biologischen Systematik“. Letzten Endes ist es bei manchen Menschen, die ohne ihre (beiden) Eltern aufwuchsen auch so – es beschreibt eine biologische Systematik, zu der sie dazugehören, keine erlebtes soziales System.

Dazugehören (wollen) zu je meinem System ist bei Tier und Mensch eine wichtige Grundlage, die unsere Bewegungen im Leben prägt. Menschliche Familien leben in diversen Gesellschaften, Kulturen, Ländern und Landschaften, auf einem Planeten, in einem Universum. Unsere Lebensgeschichte ist eingebunden in diese zusammenhängenden Strukturen und Systeme. Alles, was wir erleben und weitergeben, hat einen Einfluss darauf – und sei der Einfluss noch so winzig.

In einem Menschenleben können sich Dinge ereignen, die so stark und schmerzhaft sind, dass sie in ihrer Gänze nicht in dem Geschehensmoment gefühlt werden können. Das können Erlebnisse im Krieg sein, Grenzüberschreitungen durch körperliche und psychische Gewalt in Familien, schwere Geburten oder Krankheiten in der frühen Kindheit, fehlende Bindung zu den Eltern, abrupte Trennungen von geliebten Menschen usw. Der seelische Schmerz von Schocks oder Traumata bleibt in der Erinnerung, jedoch oft unbewusst.

Schmerz sehnt sich nach Heilung

Auch ein seelisches oder emotionales Ungleichgewicht möchte in Balance kommen. Eine Anspannung möchte sich entspannen. Ein Unrecht will ausgeglichen werden. Das sind Bewegungen des universellen Prinzips eines Fließgleichgewichts, das immer in Bewegung ist. Im Kosmos ist immer alles in Bewegung und verändert sich. Für mich ist das einer der Hintergründe, warum sich traumatische Erlebnisse von einer Generation auf die nächste auswirken. Der Wirkmechanismus ist dabei die Liebe der Dazugehörigkeit: Wir spüren oder erleben das Leid von Familienangehörigen und Ahnen und versuchen, es für sie zu gut zu machen – weil sie es nicht können. Wenn wir so ein Leid übernehmen, erleben wir das manchmal so, dass wir immer wieder in Situationen kommen, wo sich wie automatisch das gleiche Muster in unserem Denken, Handeln und Fühlen abspielt. Wir fühlen uns dieser Reaktion auf eine Art hilflos ausgeliefert oder wie fremdgesteuert und können es auch nach vielen Veränderungsversuchen nicht anders machen.

Wenn die Dinge in Ordnung kommen

Das Leid muss an der Stelle geheilt oder gesehen werden, wo es geschehen ist. Sonst kommt der Ursprung des Leids nicht zur Ruhe. Mit einer Aufstellung ist es oft möglich, diese Urprungsmomente aufzudecken. Es kann sichtbar werden, wie wir uns mit den Schicksalen unserer Familienmitglieder oder Ahnen aus Liebe oder Ausgleich verbunden haben. Über das Bild in der Aufstellung kommen diese Verstrickungen in unser Bewusstsein.

Der Ursprung des Leids offenbart sich für uns überraschende Weise. Wenn das Leid bewusst und in dem geschützten Rahmen einer Aufstellung gesehen wird, können die eigentlich Betroffenen endlich ihr Leid, ihre Schuld, ihre Trauer ausdrücken. Es kommt nicht nur ein Unrecht in Ordnung, weil es aufgedeckt wurde. Es wird dadurch auch die Ordnung wiederhergestellt, dass die Kinder für ihre Eltern oder Großeltern nicht die Last des Leides tragen.

Alles zu seiner Zeit

Insofern, könnte man sagen, dass Geschichte wirklich umgeschrieben wird und Erlebtes nachträglich heilen kann. Wenn es gelingt, dauert es nach eigenen Beobachtungen und Rückmeldungen von Klient:innen unterschiedlich lange, bis man Veränderungen bei sich oder auch im System spürt. Manchmal geht es ganz schnell, aber oft dauert ein familiärer Heilungsprozess mehrere Jahre. Und manchmal ist die Heilung einer Verletzung im familiären System auch nicht möglich, das muss man dann achten und respektieren.

Mit einer Familienaufstellung tut man in erster Linie etwas für sich selbst. Aber kann auch immer ordnende und heilende Impulse für die eigene Familie setzen. Es ist Heilarbeit für sich und im Dienste der Gesellschaft. Für den Frieden. Erfahren Sie die heilsame Kraft einer Aufstellung.

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¹ Auch wenn die Frau ihr Geschlecht geändert hat und nun als Mann lebt, braucht er doch die eindeutig weiblichen Geschlechtsorgane und entsprechende Botenstoffe.
Überarbeitet am 16.06.2022

Alles ist anders zu betrachten als bisher

Eine Familienaufstellung kann sehr berührend sein – wie bei allem, je nachdem wie offen und interessiert man an die Sache herangeht. Berührend sind natürlich Gefühle wie Trauer oder Wut, die man in einer Aufstellung  intensiv wahrnehmen kann. Manchmal wird aber auch das eigene Welt- oder Familienbild dadurch auf den Kopf gestellt, das sich unbekannte, unbewusste oder verdeckte Aspekte des Familiensystems zeigen.

Das Zitat aus einem Beitrag¹ der beiden erfahrenen Aufsteller/innen Jakob und Sieglinde Schneider bringt meinem Empfinden nach sehr gut auf den Punkt, was das Besondere und besonders Verändernde in einer Aufstellung ist:

„Jede Psychotherapie und jedes Lösungssuchen sind im Grunde ein Tranceprozess, der erlaubt, sich in einer Weise auf etwas zu konzentrieren, wie es ohne einen Helfer auf die nötige Weise allein nicht gelingen würde. Konzentration heißt hier: Etwas Bestimmtes mit seinen Sinnen wahrzunehmen, dass alles Ablenkende und Zerstreuende abfällt. In einer Trance – sie ist für gewöhnlich ein alltägliches Phänomen – geben wir einer bestimmten Wahrnehmung Raum, statt das wir uns über etwas Gedanken machen. In der Anschauung [der Aufstellung, Anm. T.A.] geben wir uns einer Wahrnehmung hin und erleben so auch innere Vorgänge wie etwas, das vor unseren Augen, eben außerhalb unseres Körpers vorgestellt, stattfindet. So führt eine Aufstellung schnell weg von sich meist im Kreise drehenden Gedanken, Urteilen, Phantasien und den entsprechenden Inszenierungen von Beziehungsmustern. Sie zeigt auf eine dem Klienten meist unmittelbar einleuchtende Weise, dass sowohl der Problemzusammenhang als auch die gewünschte Lösung anders zu betrachten sind als bisher.“

Fassen Sie den Mut, die alten oft anstrengenden Pfade zu verlassen und den neuen und leichteren Weg zu gehen. Eine Familienaufstellung kann Sie dabei unterstützen.

Angebot Einzelsitzung

Angebot Gruppenaufstellung

 

¹Schneider, J.R., & Schneider, S. (2019). Familien und Systemaufstellung mit Figuren. In W. De Philipp (Hrsg.), Systemaufstellungen im Einzelsetting: Platz lassen, Raum geben (4. Aufl., S. 15). Heidelberg, Deutschland: Carl-Auer.